Durchgeschlafen hat Violeta Martínez schon seit Wochen nicht mehr. Zu beschäftigt ist sie damit, alle paar Minuten Botschaften auf Facebook zu posten – auch mitten in der Nacht. Manche ihrer Nachrichten sollen Hoffnungen auf ein Ende der Gewalt machen. Meistens geht es aber um Angriffe, Tote und Zahlen über Verletzte. Die 31-Jährige lebt in Managua, der Hauptstadt von Nicaragua. Bis vor vier Wochen arbeitete sie als Journalistin. Doch seit Tausende Menschen gegen die Regierung demonstrieren, herrscht dort Chaos. Straßen werden gesperrt, Märkte und Wohnhäuser angezündet. Polizisten und paramilitärische Banden schießen auf Demonstranten. Sechzig Menschen wurden bereits getötet.

Die Gewalt hat auch Martínez verändert. Statt neutral zu berichten, wie sie es früher als Journalistin tat, ruft sie nun über Videos auf Facebook zu Protesten auf und schimpft auf die Regierung. Als Aktivistin versucht sie sich als Stimme der Demonstrierenden. Obwohl sie ständig im Internet ihre Meinung sagt, hat sie es aber schwer, gehört zu werden. Denn sie ist nur eine von vielen, die derzeit versuchen, den Diskurs in dem mittelamerikanischen Land zu prägen.

Nach vier Wochen der Eskalation soll am Mittwoch in Nicaragua ein Dialog beginnen, der Hoffnungen auf ein Ende der Gewalt macht. Organisiert hat die Gespräche die katholische Kirche. Vertreter der Regierung und der Demonstranten wollen zusammen mit anderen Gruppen der Gesellschaft teilnehmen. Noch ist allerdings völlig unklar, ob der Dialog tatsächlich in der geplanten Konstellation zustande kommen wird. Viele Nicaraguaner fragen sich, ob die Regierung um Präsident Daniel Ortega und seine Frau, die Vizepräsidentin Rosario Murrillo, tatsächlich bereit sind zu verhandeln. Genauso spannend ist aber auch, wie die Demonstranten reagieren werden. Also jene, die am Dialog teilnehmen wollen und jene, die weiterhin auf den Straßen demonstrieren. Die Zukunft des Landes hängt nämlich auch davon ab, ob es ihnen gelingen wird, mit einer Stimme zu sprechen.

Ein paar hundert Rentner initiierten die Proteste

Die Wut der Nicaraguaner auf die Regierung hatte sich bereits lange aufgestaut. Dennoch hatte niemand damit gerechnet, dass die Lage im Land derart eskalieren würde. Die Proteste begannen vor Wochen mit gerade einmal ein paar hundert Rentnern, die gegen eine Sozialreform auf die Straße gegangen waren. Wenige Tage später wurde daraus aber ein Massenaufstand gegen Präsident Ortega. Der ehemalige Revolutionär hat sich längst in einen korrupten Machthaber verwandelt, was viele Bürger nicht mehr akzeptieren. Tausende Menschen strömen deshalb nun auf die Straßen. Doch der Kampf zwischen Gegnern und Unterstützern der Regierung wird nicht nur dort geführt, sondern auch in sozialen Netzwerken – mit Videos, persönlichen Aufforderungen und Fotomontagen. Es werden bereits Listen mit Namen und Fotos von Regierungskritikern verbreitet, um sie einzuschüchtern.

Wie brutal es mittlerweile zugeht, erzählt Martínez Ende April in einem Videochat. Ihr Smartphone hält sie dabei vor ihr Gesicht. Ihre schwarzen Locken sind zerzaust, unter ihren Augen schimmern schwarze Ringe. "Ich komme gerade aus der Uni, die Studenten wurden angegriffen, es gibt Tote!", ruft sie laut und spricht so schnell, dass sie die Satzenden verschluckt. Dann wird sie auf einmal still, bis sie sich wieder fängt: "Ich habe eine Panikattacke bekommen. Beinahe wäre ich nicht mehr lebend rausgekommen", sagt sie.

Längst ringen in diesem Kampf nicht mehr nur der Staat und seine Kritiker um die Wahrheit. Auch die Demonstranten untereinander sind nicht einer Meinung. Während die Mehrheit seit Wochen zu friedlichen Protesten aufruft, fordern manche Kritiker im Internet zu Gegengewalt auf.

Proteste sind unorganisiert

So spontan wie die Proteste losbrachen, so ungeordnet verlaufen sie bis heute. Die Demonstrationen haben keine Struktur und vor allem keinen Anführer, der für alle Teilnehmenden spricht. Auch deshalb macht Violeta Martínez mit und nutzt wie viele andere ihre Stimme, um die öffentliche Meinung zu prägen.

Inzwischen kursiert im Internet aber ein Name, der das Ziel hat, die Demonstrierenden zu vereinen: Die Studentenbewegung des 19. April. Bei dem geplanten Dialog mit der Regierung wollen einige ihrer Vertreter als "Studentenkoalition" auftreten. Allerdings sind längst nicht mehr nur Studenten und einige hundert Rentner unter den Protestlern. Sondern auch Bauern, Spediteure, Anwältinnen, Schüler, Journalistinnen und ehemalige Anhänger der Regierungspartei Frente Sandinista de Liberación Nacional (Nationale Sandinistische Befreiungsfront) gehen auf die Straße.

Dass diese Bewegung so divers ist, macht es den Demonstranten schwerer, sich auf Forderungen zu einigen. Ein Ende der Gewalt, Gerechtigkeit für die Ermordeten und einen besseren Schutz der Meinungsfreiheit sind bisher die einzigen Kernforderungen bei denen sie sich einig sind. Solche Wünsche tauchen auch in der Facebook-Timeline von Violeta Martínez immer wieder auf. Immerhin ist der sogenannten "Studentenkoalition" aber ein erster Erfolg gelungen: Vor dem geplanten Dialog mit der Regierung konnte sie die Bedingung durchdrücken, die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte ins Land zu lassen. Die Regierung ließ sich darauf ein, was manche als gutes Zeichen interpretieren.

Schwieriger wird es vermutlich für die Gegner von Ortega sich zu einigen, sobald die Verhandlungen konkreter werden. Bis heute zweifeln viele Demonstrantinnen daran, ob es überhaupt richtig sei, mit der Regierung zu sprechen. Tatsächlich geht die Repression im Land weiter, obwohl die Regierung dem Dialog zugestimmt hat. Auch in den letzten Tagen wurden wieder Menschen von Polizisten und regierungsnahen Banden getötet, Hunderte wurden verletzt. Und was denkt Violeta Martínez über Gespräche mit der Regierung? "Mit Psychopathen kann es keinen Dialog geben", postete sie auf Facebook.