Ein lautes "Huh!" schallt an diesem Dienstagvormittag über den Platz der Republik. Dann folgt der Applaus. So hatten sich einst die isländischen Fußballfans in die Herzen der Fußballfans weltweit gejubelt. Doch diesmal geht es nicht um Isländer, sondern um die Armenier, die sich diesen Jubel abgeguckt haben. Und es geht nicht um sportliche Erfolge, sondern um große Politik. 

Nach wochenlangen Protesten hat Armenien einen neuen Premier. "Nikol, Nikol", immer wieder schallt sein Name über den Platz, wo Zehntausende auf den Ausgang der Abstimmung im Parlament warteten. Es ist die große Stunde des 42-jährigen Abgeordneten Nikol Paschinjan, der in wenigen Wochen von einem Oppositionspolitiker unter vielen zum unangefochtenen Volksheld der Armenier geworden ist. "Die Revolution in Armenien wirkt gerade wie Ecstasy auf die Leute", scherzt ein Politologe aus der Hauptstadt Jerewan. "Paschinjan hat den Menschen den Glauben gegeben, dass sie etwas verändern können."

Innerhalb weniger Tage hatte der ehemalige Journalist und Oppositionspolitiker seinen Anzug und seine Krawatte ab- und sich dafür einen rustikalen Bart zugelegt. Sein Hemd tauschte er gegen ein T-Shirt in Tarnfleck. Seine Basecap mit dem Slogan "Duchow", was so viel wie "Nur Mut" bedeutet, ist mittlerweile zum Markenzeichen geworden.

Was heute endgültig zu einer friedlichen Revolution geworden ist, begann mit einem Fußmarsch des Oppositionellen von der Stadt Gjumri, im Nordwesten der Republik. An dessen Ende sollte eine Großkundgebung in der Hauptstadt Jerewan stehen, gegen den alten Präsidenten Sersch Sargsjan, der sich gerade anschickte, Premier zu werden. Nach zwei Amtszeiten und einer Verfassungsänderung, die die Rolle des Premiers stärkt und den Präsidenten zur symbolischen Figur degradiert, wollte Sargsjan so seine Macht verlängern.

Dabei sein zur Sternstunde des Landes

Was Anfangs selbst vielen Oppositionellen im Land als hoffnungslos galt, wurde zu einer Massenbewegung. Vor allem als klar wurde, wie groß die Wut über den Machthunger der alten Elite geworden ist. Plötzlich protestierten in Jerewan Zehntausende Menschen und steckten ihre Mitbürger an. An einer Schule zwangen Schüler eine korrupte Schuldirektorin zum Rücktritt. Und selbst aus Russland oder den USA flogen und fliegen Tausende Armenier in ihre Heimat, um dabei zu sein, bei dem was in ihren Augen die Sternstunde ihres Landes ist.

Paschinjan gelang es, sich an die Spitze dieser Wutwelle zu stellen. Der 42-Jährige hat es geschickt vermocht, sich als Gegenentwurf zum herrschenden Regime zu präsentieren, das in Armenien vor allem mit Korruption, Vetternwirtschaft und wirtschaftlicher Stagnation in Verbindung gebracht wird. Paschinjan dagegen konnte damit überzeugen, dass er sich auch nach seinem Einzug als Abgeordneter ins Parlament vor sechs Jahren nicht illegal bereichert hat. Anders als die Herrschenden liebt er keine Luxuskarossen, sondern begnügt sich mit einem Hyundai Sonata, den er nach eigenen Angaben auf Kredit gekauft hat. Auch damit, dass sein Sohn, wie viele junge Armenier aus einfachen Verhältnissen den Militärdienst leisten wird, sammelte Paschinjan Punkte.  Medien haben ihn mittlerweile zum Che Guevara vom Kaukasus getauft haben, aber er betonte immer wieder den friedlichen Verlauf der Proteste.