Über Tote soll man nur Gutes sagen oder schweigen, heißt es in Russland. Deswegen dürften viele Russen nun doppelt erleichtert sein. Nicht nur, weil sich herausstellte, dass der Mordanschlag auf Arkadi Babtschenko vom ukrainischen Geheimdienst inszeniert worden war. Sondern auch, weil es nun nicht mehr nötig war, aus Pietät gegenüber dem vermeintlich getöteten Journalisten zu schweigen.

Denn Gutes über Babtschenko hörte man in Russland vor allem in jenen Stunden, als der Journalist offiziell als tot galt, scheinbar hinterrücks erschossen vor seiner Kiewer Wohnung. Mit viel zu vielen in Russland hatte sich der Journalist in den letzten Jahren überworfen, der sich einst als Kriegs- und Krisenreporter der berühmten Nowaja Gaseta einen Namen machte. Viele in Russland ärgerte seine bis zum Äußersten kompromisslose Kritik an dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und zunehmend auch an Russland als Land und Gesellschaft, etwa als er öffentlich den Opfern eines Flugzeugabsturzes sein Mitleid verweigerte. Gestorben waren damals vor allem Künstler, die mit einer Militärmaschine für Auftritte vor russischen Truppen nach Syrien unterwegs waren.

Gleich in einem seiner ersten Facebook-Posts nach dem vermeintlichen Mordanschlag schrieb Babtschenko, er möchte nach wie vor eines Tages auf Putins Grab tanzen und ein Selfie mit einem amerikanischen Abrams-Panzer auf Moskaus Prachtstraße Twerskaja machen. In einem Briefing vor Journalisten am Donnerstag sagte der 41-Jährige, er hasse Putin persönlich, weil dieser für Kriege und Tausende Tote verantwortlich sei. Auch in seiner halbsatirischen TV-Sendung auf dem krimtatarischen Kanal ATR schont Babtschenko seine Landsleute kaum und empfahl kürzlich eine Behandlung der Russen mit Haloperidol, einem Mittel gegen Schizophrenie, das am besten aus einem Hubschrauber heraus verteilt werden soll.

"Gipfel des Zynismus"

Nicht zuletzt wegen solcher Aussagen herrscht in Moskau auch außerhalb der Propagandamedien und der wie üblich patriotisch gestimmten Öffentlichkeit große Skepsis. Als Journalist galt Babtschenko selbst unter Kremlkritikern schon lange nicht mehr als objektiv. Seinen Worten vertrauen unabhängige Beobachter in Moskau unwesentlich mehr als den offiziellen Wortmeldungen aus dem Außenministerium oder Putins Presseabteilung. 

Die offiziellen Stellen sprachen nun vom "Gipfel des Zynismus" und "grassierender Russophobie". Aber auch das sehr populäre und unabhängige Portal Medusa verfasste eine Frageliste an den ukrainischen Geheimdienst SBU, in der darauf hingewiesen wird, dass es noch keinen Beweis für eine Spur nach Russland gebe. Und dass der SBU-Chef bereits widersprüchliche Aussagen gemacht habe, warum die Inszenierung notwendig gewesen sein soll.

Auch andere kritische Medien aus Russland machten der ukrainischen Seite Vorwürfe. Kirill Martynow von der oppositionellen Nowaja schrieb etwa: Das Ganze habe Potenzial, ein neuer Skripal-Fall zu werden, wenn denn der SBU Beweise präsentieren könne. Simple Aussagen des Vollstreckers reichten aber nicht aus. Die unabhängige Zeitung Wedomosti schrieb in einem Kommentar: Die Gesellschaften in der Ukraine und Russland hätten das Recht auf mehr als nur flotte Worte. Es müssten harte, unwiderlegbare Beweise her.

Dabei wäre Babtschenko bei Weitem nicht der erste Kremlkritiker aus Russland, der auch im Ausland um sein Leben fürchten muss. Die tödliche Vergiftung von Alexander Litwinenko und das offenbar missglückte Attentat auf Sergej Skripal werfen viele Fragen auf, die Wladimir Putin und seine Geheimdienste unzureichend beantworten. Hinzu kommen die nicht aufgeklärten Morde an Journalisten wie Anna Politkowskaja oder an dem Oppositionspolitiker Boris Nemzow. In allen Fällen rechtfertigen sich die Machthaber mit der gewohnten Formulierung, dass die Morde der russischen Regierung eher schaden als nützen. Dennoch haben es die Behörden nicht geschafft, die Mörder zu ermitteln.

Mehrere Morde an Exilrussen in der Ukraine

Seit Russland im Jahr 2014 einen Krieg im Westen des Landes unterhält, haben sich einige prominente Russen ins Nachbarland Ukraine abgesetzt. Sie konnten als Journalisten in Moskau nicht mehr arbeiten oder waren als Politiker nicht mehr erwünscht. Seitdem hat es auch mehrere Morde an Exilrussen gegeben, etwa an dem Journalisten Pawel Scheremet und dem ehemaligen Duma-Abgeordneten Denis Woronenkow. In beiden Fällen wiesen die ukrainischen Behörden und Politiker die Schuld russischen Sicherheitsdiensten zu. Beweisen konnten sie bisher allerdings wenig.

Besonders dünn ist die Beweislage im Fall des Bombenanschlags auf Pawel Scheremet, bei dem die Polizei laut Recherchen ukrainischer Journalisten die Ermittlungen verschleppte und wichtige Zeugen nicht befragte. Unabhängige Experten wie der Chef des Journalistennetzwerks OCCRP, Drew Sullivan, halten sogar eine Verstrickung der ukrainischen Behörden in den Mord für möglich. Die ukrainische Regierung suche bewusst nicht nach der Wahrheit, sagte Sullivan im April in einem Interview mit der ukrainischen Zeitung Ukrajinska Prawda.

Auch wenn die ukrainischen Behörden diesmal weit mehr Informationen veröffentlicht haben, können sie die angeschlagene Glaubwürdigkeit so schnell nicht wiederherstellen. Vor allem die Erklärung, der mutmaßliche Organisator habe neben dem Babtschenko-Attentat noch 30 weitere Morde geplant, stößt in Russland auf Misstrauen.

Aus Sicht des mutmaßlichen Opfers Arkadi Babtschenko, der gerade unter Polizeischutz in der Ukraine verbleibt, ist die Lage dagegen eindeutig. Er sollte umgebracht werden, um die Situation in der Ukraine zu destabilisieren, sagte er. Er habe allerdings keine Beweise dafür, dass es sich in seinem Fall nicht auch um einen Komplott des ukrainischen Geheimdienstes SBU handeln könne. Die Arbeit der Behörden während der Wochen vor dem Attentat habe ihn jedoch überzeugt, dass die Bedrohung echt sei. "Nach dieser Sache stelle ich auch keine Fragen mehr zum Fall Pawel Scheremet", fügte Babtschenko hinzu.