Bei landesweiten Protesten zwei Tage vor der Vereidigung des russischen Präsidenten Wladimir Putin für eine vierte Amtszeit sind in ganz Russland etwa 1.600 Regierungsgegner festgenommen worden. Darunter war auch erneut Putins prominentester Kritiker Alexej Nawalny. Polizisten führten den Oppositionspolitiker auf dem Moskauer Puschkinplatz ab. Nawalny, der schon mehrfach bei Demonstrationen gegen Putin festgenommen wurde, teilte kurz nach Mitternacht am Sonntag über den Kurznachrichtendienst Twitter mit, dass er wieder freigelassen worden sei. 

Putin war im März mit einer Mehrheit von 77 Prozent für weitere sechs Jahre im Amt bestätigt worden – nicht zuletzt, weil sein Konkurrent Nawalny bei der Wahl nicht antreten durfte. Daraufhin hatte Nawalny unter dem Motto "Er ist nicht unser Zar" zu Protestaktionen gegen den Staatschef, gegen Korruption und Internetzensur in Russland in mehr als 90 Städten aufgerufen. Vor den Aktionen erklärte er: "Wir werden die Behörden, die aus Betrügern und Dieben bestehen, zwingen, jene Millionen Bürger zu berücksichtigen, die nicht für Putin gestimmt haben." Die Polizei erklärte, Nawalny sei festgenommen worden, weil er eine unerlaubte Protestaktion organisiert habe.

Reuters-Reporter beobachteten, wie Bereitschaftspolizisten in der Hauptstadt systematisch Demonstranten festnahmen und in Busse brachten. Der Menschenrechtsorganisation OVD-Info zufolge gab es landesweit 1.575 Festnahmen, davon fast allein die Hälfte in Moskau. Die Reporter vor Ort schätzten, dass mehrere Tausend Menschen demonstrierten. Die Polizei sprach hingegen von nur 1.500 Demonstranten in Moskau, von denen etwa 300 festgenommen worden seien. Den festgenommenen Demonstranten drohen mehrtägige Arreststrafen. 

Auch außerhalb Moskaus, in 90 kleineren Städten wie Wladiwostok oder Irkutsk, kamen laut Medienberichten und Postings in sozialen Medien jeweils mehrere Hundert Demonstranten zusammen. Nach Angaben der OVD-Info kam es auch im sibirischen Krasnojarsk zu gewaltsamen Festnahmen. Besonders viele Festnahmen gab es demnach neben Moskau auch in Tscheljabinsk und Jakutsk.

Demonstrationen waren nicht genehmigt

Die Behörden hatten beispielsweise in Moskau und St. Petersburg, wo größere Demonstrationen angekündigt worden waren, keine Genehmigungen ausgestellt. Deshalb hatten Beobachter schon zuvor befürchtet, die Polizei könnte die Proteste gewaltsam auflösen. Die Szenen erinnerten an Putins Vereidigung für seine dritte Amtszeit im Mai 2012, als die Polizei bei Massenprotesten mehr als 400 Menschen festgenommen hatte.

Der 65-jährige Putin ist entweder als Präsident oder Ministerpräsident seit dem Jahr 2000 an der Macht. Seine Anhänger unterstützen ihn, weil er den Russen den Nationalstolz zurückgebracht und den Einfluss des Landes mit Interventionen wie in der Ukraine oder in Syrien ausgebaut habe. Die Opposition wirft ihm vor, immer autokratischer zu regieren und Rivalen demokratische Rechte zu verwehren. Putin soll am Montag bei einer aufwendigen Feier vereidigt werden.