Zwei Stühle ganz in Weiß stehen vor dem Altar der Dorfkirche im ostslowakischen Gregorovce. An ihren Lehnen hängen Kränze mit den Initialen "J" und "M" für Ján und Martina. Menschen in Sommerhemden drängen sich Anfang Mai in den überfüllten Bänken. Alles ist vorbereitet für ein schönes Fest. Doch in der ersten Reihe, ganz in Schwarz, weint Jozef Kuciak, der Bruder des Bräutigams, neben ihm die Eltern, die Schwester, die Mutter der Braut, auch sie tragen Schwarz. Ein Cellist spielt ein Bach-Präludium. Dann erklingt Orgelmusik, die Gäste erheben sich. Nur die beiden Stühle bleiben leer. Denn die Frau und der Mann, die heute heiraten wollten, sind tot.

Am 25. Februar fand die Polizei die Leichen von Ján Kuciak und Martina Kusnirova in deren Haus in der Nähe der slowakischen Hauptstadt Bratislava. Ein Mörder hatte den 27-Jährigen und seine Freundin vier Tage zuvor hingerichtet. Der Täter benutzte einen Schalldämpfer für die Schusswaffe, in den Patronen befand sich wenig Schießpulver. So blieben die beiden Kugeln, die Kuciak das Leben nahmen, in seinem Herz stecken. Eine weitere fanden die Pathologen in Kusnirovas Kopf.

Ein professionell ausgeführter Mord, seither ist das kleine Land in Aufruhr. Denn Kuciak war Journalist und hatte über die kriminellen Machenschaften der Mächtigen des Landes berichtet. Der Verdacht liegt daher nahe, dass einer dieser Mächtigen die Morde in Auftrag gegeben haben könnte. In seinem letzten, bis dahin unveröffentlichten Text hatte Kuciak über Verbindungen der italienischen Mafia berichtet, die bis in das Umfeld des langjährigen Ministerpräsidenten Robert Fico reichen sollten.

Für eine "anständige Slowakei"

In vielen Ländern Mittel- und Osteuropas wird in diesen Wochen gegen Korruption, staatliche Willkür und zunehmend autoritäre Tendenzen demonstriert. Aber in keinem Land sind die Demonstranten so ausdauernd wie in der Slowakei. Und nirgendwo haben sie so viel erreicht: Erst trat der slowakische Kulturminister zurück, dann musste der Innenminister gehen, schließlich stürzte sogar der Ministerpräsident. Zuletzt ist auch der Polizeipräsident zurückgetreten. Trotzdem stellt sich, je länger die Proteste dauern, die Frage: Können die Demonstranten auch etwas verändern?

Am Morgen nach dem Leichenfund scrollte Karolina Farska durch ihre Startseite auf Facebook. Sie übersprang den Artikel über den Mord. "Ich dachte, das seien Fake-News", erzählt die 19-Jährige. "Als ich verstand, dass das real war, dachte ich nur: Oh mein Gott, was kann ich jetzt tun?" Farska rief Freunde an, mit denen sie bereits vor zwei Jahren Demonstrationen gegen die Korruption im Land organisiert hatte. "Dieses Mal wollten wir nicht nur zeigen, dass wir unzufrieden sind", sagt sie und kneift die schmalen Augen hinter der Brille noch weiter zusammen: "Wir wollen deutlich machen, dass wir in so einem Land nicht leben wollen."

Zwei Wochen nach den Morden stand Karolina Farska auf einer Bühne in Bratislava und forderte vor 80.000 Menschen eine "anständige Slowakei". Es waren die größten Proteste seit dem Ende des Kommunismus. Sogar in den Regionen gingen die Menschen auf die Straße, dort, wo die regierende Smer-Partei bislang den größten Rückhalt hatte.

Auch an diesem Freitag Anfang Mai, bei der jüngsten erwähnenswerten Demonstration, schrauben Helfer auf dem Platz des Slowakischen Nationalen Aufstands in Bratislava das Gerüst für eine Bühne zusammen. Nervös kontrolliert Karolina Farska auf ihrem Handy die Zeit. Die rötlichen Haare kräuseln sich um ihr rundes Gesicht, sie trägt Jeansjacke und ein Sommerkleid. Es ist der Tag vor der Trauerfeier in Gregorovce.