Die Türkei soll deutsche Spähsoftware auf Smartphones eingesetzt haben, um Anhänger der größten türkischen Oppositionspartei CHP auszuspionieren. Das berichtet der Rechercheverbund von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung unter Berufung auf einen Bericht der digitalen Bürgerrechtsgruppe Access Now. Demnach seien fiktive Accounts bei Twitter genutzt worden, um eine Schadsoftware unter Oppositionsanhängern zu verbreiten.

Die Software ist dem Bericht zufolge im Zusammenhang mit dem Protestmarsch des CHP-Vorsitzenden Kemal Kılıçdaroğlu verbreitet worden. Dieser war im Sommer 2017 über 400 Kilometer von Ankara nach Istanbul gelaufen, um gegen die Verurteilung eines Parteifreundes und die Politik von Präsident Recep Tayyip Erdoğan zu protestieren.

Scheinbare Unterstützer der Aktion verwiesen dem Rechercheverbund zufolge auf Twitter auf eine Website, auf der man sich angeblich über den aktuellen Stand der Demonstration informieren konnte. Dort habe man eine Datei herunterladen können – und so die mutmaßliche Spähsoftware installiert. Wie viele Personen das Programm heruntergeladen haben, sei allerdings unklar.

Software soll in Deutschland entwickelt worden sein

Bei dem Programm handelt es sich dem Bericht zufolge um FinSpy von der Münchner Firma FinFisher. Der sogenannte Trojaner könne die vollständige Kontrolle über das betroffene Smartphone erlangen, stellte der mit der Untersuchung beauftragte Experte Thorsten Holz fest. Dem Professor für IT-Sicherheit an der Ruhr-Universität in Bochum zufolge ist das Programm sogar in der Lage, "live mitzuhören und mitzulesen", was auf dem Telefon passiert.

Bislang sei aber unklar, wie die Software in die Türkei gelangen konnte. Denn laut Bundeswirtschaftsministerium sind in den vergangenen Jahren keine Exportlizenzen für die Software erteilt worden. Der Recherche zufolge weist Access Now in seinem Bericht darauf hin, dass FinFisher sich "auf eine Art und Weise vermarktet, die nahelegt, dass man ihre Produkte auch verwenden kann, um Ziele in fremden Ländern auszuspionieren". Die türkischen Oppositionellen könnten also vom Ausland aus ausspioniert worden sein.