Wir haben Steve Bannon Ende Mai 2018 in Prag und Budapest getroffen und zweimal ausführlich mit ihm gesprochen. Die Geschichte dieser Begegnungen finden Sie hier (loginpflichtig). Er bat darum, dass wir das Interview in voller Länge veröffentlichen, wenn wir in der gedruckten ZEIT Zitate des Gesprächs verwenden. Wir waren einverstanden. Lesen Sie hier das ungekürzte, übersetzte Transkript der beiden Gespräche.

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DIE ZEIT: Mr. Bannon, was treiben Sie hier überhaupt in Europa?

Steve Bannon: Ich bin einfach hier… ich wurde eingeladen, um Reden zu halten. Ich bin einfach hier, um zu lernen. Die populistische nationalistische Bewegung ist in Europa vermutlich ein Jahr weiter als in den USA. Gestern habe ich eine Rede in Tschechien gehalten, jetzt habe ich hier in Ungarn ein paar Leute getroffen. Ich bin das erste Mal hier. In den nächsten Tagen reise ich weiter nach Rom. Salvini und Armando Siri habe ich empfohlen, sich wirklich darum zu bemühen, eine Einheitsregierung zusammenzubekommen. Nur ein kostenloser Ratschlag. Kurzum: Ich bin in Europa, um zu lernen. Ich bin auf Vortragsreise.

ZEIT: In den USA mussten Sie einige Rückschläge hinnehmen: Sie wurden aus dem Weißen Haus entlassen und sind als Herausgeber von Breitbart zurückgetreten. Ist Europa Ihre neue Spielwiese?

Bannon: Nein, nein, ich bin in den USA noch immer sehr aktiv. Ich habe einen [unverständlich], der sehr viel kommuniziert und sich auf die Midterm-Wahlen 2018 vorbereitet. Wir werden später mit einer ganzen Reihe Kandidaten für das Repräsentantenhaus und so weiter arbeiten. Die Midterm-Wahlen 2018 sind in Wahrheit nämlich weitere Präsidentschaftswahlen. Alles dreht sich um die Amtsenthebungsklage gegen Trump, insofern ist die Anspannung ziemlich groß. Also: Nein. Die USA sind immer noch mein … Aber ich werde mehr Zeit in Europa verbringen. Das ist für mich eine echte Gelegenheit, etwas zu lernen. Ich hoffe, dieses Wissen dann in den Vereinigten Staaten anwenden zu können.

ZEIT: Sie haben mit Vertretern der Schweizerischen Volkspartei, vom Front National und Fidesz gesprochen. Was ist diesen Parteien gemein?

Bannon: Die Chinesen haben ihren Kommunismus als "Sozialismus chinesischer Prägung" bezeichnet. Ich denke, diese populistische nationalistische Bewegung hat in jeder Region ihre speziellen Eigenheiten, sei es in Polen, Tschechien, der Schweiz, Frankreich, hier in Ungarn oder Italien oder in Deutschland. Sie sind alle unterschiedlich, denke ich. Aber sie haben auch alle ihre Gemeinsamkeiten, nicht? Sie glauben an den Nationalstaat. Sie glauben an den Nationalstaat, er… Le Pen sagte, er sei ein Juwel, das poliert werden müsse, und kein Hindernis, das überwunden werden müsse.

ZEIT: Sie sind auch alle Zuwanderungsgegner.

Bannon: Ich weiß nicht, ob sie Zuwanderungsgegner sind. Was geschehen ist, würde ich nicht als Einwanderung bezeichnen. Was hier wegen Merkels Inkompetenz und Arroganz geschehen ist, war eine Flut an Migranten. Das ist keine Einwanderungspolitik. Sehen Sie sich Italien an. Das arme Italien hat versucht, sich an die EU-Regeln zu halten. Alle machten ihre Grenzen dicht und sagten: "Hey, kommt irgendwie klar mit den 750.000 Menschen, die herübergeschwommen oder in Booten gekommen sind." Das ist nicht einwandererfeindlich. Ich glaube nicht, dass in diesen Menschen eine Spur von Hass ist. Sie wollen einfach nur ihr Land. Sie wollen nicht, dass irgendeine zentrale Behörde in Brüssel sich spontan etwas aus dem Ärmel schüttelt. Und sie wollen ganz gewiss nicht… Die Menschen in Ungarn, die Menschen in Ungarn, die Menschen in der Schweiz, die Menschen in Frankreich, die haben nie darüber abgestimmt, ob Angela Merkel nur aus ihrem eigenen Wunsch heraus zwei Millionen syrische Flüchtlinge hereinlässt.
Bei keinem gab es eine Rechtekette. Man weiß nichts über ihren Hintergrund, nichts über ihre Papiere. Es sind also ihre Arroganz und Inkompetenz. Vergessen Sie nicht: Nicht Steve Bannon hat das angefangen, es war Angela Merkel, die das mit ihrer Arroganz und ihrer Inkompetenz begonnen hat.

ZEIT: In Zürich haben Sie sich mit Alice Weidel und Beatrix von Storch getroffen. Wie ist Ihr Eindruck von der AfD?

Bannon: Ich denke, die AFD ist wirklich... Ich finde, vor allem die jungen Führungskräfte wie Beatrix oder Alice Weidel sind fantastisch. Es sind fantastische Persönlichkeiten. Sie sind sehr dynamisch. Ich glaube, die Partei wird einige Themen bekommen, die man im Laufe der Zeit gemeinsam lösen muss, aber ich bin überzeugt, dass sie sie lösen werden. Aber wenn Deutschland junge Führungskräfte wie sie hat und Menschen, die sie meiner Meinung nach so gut vertreten, die so wohlartikuliert zu sein scheinen, so klug, dann wird die Partei ziemlich gut dastehen. Ich freue mich darauf, mir Deutschland näher anzusehen. Vielleicht nicht auf dieser Reise, jetzt vielleicht noch nicht, vielleicht bei der nächsten. Ich war noch nie in Deutschland, ich war noch nie in Ungarn, ich war noch nie in Tschechien. Es ist das erste Mal, dass ich an diesen Orten bin. Ich freue mich darauf, bei meiner nächsten Reise nach Deutschland zu kommen.