"Tamam". Jeder, der türkisch spricht, verwendet dieses einfache Wörtchen täglich, mal um einem Gesprächspartner zuzustimmen, mal um jemanden abzuwimmeln, aber auch im Sinne von "genug" und "es reicht". Am Dienstagvormittag benutzte es der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan in einer Rede vor Parlamentariern seiner Partei und trat damit eine Bewegung los: "Wenn unsere Nation eines Tages 'tamam' sagt, dann werden wir auch Platz machen", erklärte Erdoğan, der oft in Pluralis Majestatis von sich spricht. Was der "Reis", der Führer, wie ihn seine Anhänger gerne nennen, mit "tamam" meint, ist eindeutig: "Wenn die Leute es so wollen, dann trete ich ab."

Und die Leute wollen, zumindest einige. Kaum dass türkische Medien über Erdoğans Rede berichteten, wurde "tamam" zum Schlagwort für die türkische Opposition. Unter dem Hashtag #tamam wurden Dienstagabend mehr als 1,2 Millionen Tweets abgesetzt.

Unfreiwillig hat Erdoğans alle Oppositionsgruppen mit einem Slogan zusammengeschweißt und dem Geist vom Gezi-Park wieder Leben eingehaucht. Wie schon vor vier Jahren sind Erdoğans Gegner kreativ. Sie teilen unter dem Hashtag Videoclips mit Dialogen aus bekannten türkischen Filmen, Selfies mit selbstgebastelten Tamam-Schildern, Fotos des Wortes, dessen Buchstaben aus Stiften, Musikinstrumenten, Obst und Gemüse zusammengesetzt sind.

Ich hatte mich zurückgezogen – aus Selbstschutz

Es sind witzige, geistreiche und vor allem friedvolle Postings. Diese Protestaktion weckt den Widerstandsgeist auch all derer, die sich zurückgezogen hatten. Inzwischen findet die #Tamam-Bewegung nicht mehr nur in den sozialen Netzwerken statt. Auf den Straßen kommen Menschen zusammen, um zu demonstrieren, sie singen Lieder, in deren Refrains "tamam" vorkommt.

Seitdem verfolge ich wieder ganz intensiv die Nachrichten aus der Türkei. Ich bin aufgeregt und stelle fest, dass mein Pessimismus schwindet und ich Hoffnung hege, dass Erdoğan bei den vorgezogenen Wahlen am 24. Juni einen Dämpfer verpasst bekommt. Seit dem Putschversuch vor zwei Jahren haben mich die vielen schlechten Nachrichten aus der Türkei so sehr mitgenommen, dass ich nur noch das Nötigste aus meinem Herkunftsland verfolgt habe. Es war ein Selbstschutz.

Ein emotionales Band zum Herkunftsland

Der sukzessive Demokratieabbau, all die Rechtsbrüche und Menschenrechtsverletzungen, das ging mir sehr nah und drückte meine Stimmung. Sosehr ich mich in Deutschland verortet fühle und nirgendwo anders leben möchte: Ein sehr starkes emotionales Band verbindet mich mit dem Land, in dem ich geboren bin, wo ich Gehen und Sprechen lernte, in dem ich eine sehr schöne Kindheit hatte und an das ich tolle Erinnerungen als Erwachsene habe.

Ich habe Sehnsucht nach Freunden und nach all den Orten, an denen ich Schönes erlebt habe, und schmachte nach Gerüchen und Ausblicken. Seit zwei Jahren bin ich nicht in der Türkei gewesen, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich nicht auch Schikanen ausgesetzt werden würde. Vor vier Wochen waren meine beiden Schwestern mit meinem inzwischen 85 Jahre alten Vater in Antalya, wo wir eine Wohnung haben. Dass ich nicht dabei sein konnte, das schmerzt mich! Ich wollte  nichts riskieren. Denn Erdoğans System ist unberechenbar, das haben ja nicht nur Journalisten, sondern auch viele andere Menschen mit deutschen Pässen erfahren müssen.

#Tamam erweckt die Hoffnung der Frustrierten

Ich war zur einer teilnahmslosen Beobachterin der Ereignisse in der Türkei geworden – wie auch viele meiner deutsch-türkischen Freunde und Bekannten. Nach Möglichkeit haben wir das Thema Türkei gemieden. Entweder, um uns nicht die Laune zu vermiesen oder nicht in Streit zu geraten. Die meisten meiner Freunde sind wie ich verärgert darüber, dass die Erdoğan-Anhänger nicht verstehen, wie sie mit ihrer bedingungslosen Gefolgschaft dem Abbau ihrer fundamentalen Bürgerrechte zustimmen. Wir konnten nicht nachvollziehen, warum andere so tun, als würde all das, was in ihrem Land passiert, sie nichts angehen.

Ein kleines Wort hat uns nun beflügelt. Auch deutsch-türkische Erdoğan-Kritiker unterstützen die Protestaktion in sozialen Netzwerken. #Tamam erweckt die Hoffnung all derer, die wie ich frustriert waren über die politischen Entwicklungen in der Türkei.

Es gibt unter den Deutschtürken aber auch jene, die der Protestaktion nicht viel Bedeutung beimessen und davor warnen, sie überzubewerten. Möglich, dass #tamam verpufft und alles beim Alten bleibt. Ich will daran nicht denken und mir nicht die Freude vermiesen lassen über den kreativen Protest. Was wir von hier aus machen können? Die Menschen in unserem Herkunftsland moralisch darin unterstützen, am 24. Juni bei der Wahl zum Ausdruck zu bringen, dass sie es ernst meinen mit #tamam.