Im Erdölland Venezuela wird am Sonntag ein neuer Präsident gewählt. Obwohl das Land eine Hyperinflation erlebt und die Menschen Hunger leiden, ist es wahrscheinlich, dass der amtierende Präsident Nicolás Maduro wiedergewählt wird. Maduro ist Nachfolger des populären Hugo Chávez, der den "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" einführen wollte – jahrelang bescherte der Ölboom Chávez genügend Geld, um den Lebensstandard der Menschen zu verbessern. Nicmer Evans, Jahrgang 1975, unterstützte Chávez bis 2013. Nach dessen Tod wandte er sich von der Bewegung ab. Heute ist er einer der prominentesten Kritiker von Präsident Maduro. Evans ist Politologe und Betreiber des Nachrichtenportals Punto de Corte. Er lebt in der venezolanischen Hauptstadt Caracas.

ZEIT ONLINE: Venezuela galt lange als Vorkämpfer der lateinamerikanischen Linken und war ein Identifikationsprojekt für viele Linke weltweit. Der langjährige Präsident Hugo Chávez hatte einst versprochen, die Armut abzuschaffen. Was ist aus der sogenannten Bolivarischen Revolution geworden?

Nicmer Evans: Der Versuch, hier eine Revolution zu machen, ist gescheitert. 1999 war Chávez angetreten, die Korruption zu bekämpfen, die Souveränität der Nation wiederherzustellen und für mehr Wohlstand zu sorgen. Heute sind wir eines der Länder mit dem höchsten Korruptionsniveau: In den ersten 15 Jahren der Bolivarischen Revolution sind rund 500 Milliarden Dollar Kapital ins Ausland geschafft worden und wir sind verwundbarer denn je, was unsere Souveränität angeht. Zum Beispiel hat die Regierung kürzlich den Petro erfunden, eine Kryptowährung, die durch unser Erdöl gedeckt ist.

ZEIT ONLINE: Jeder Käufer eines Petro hat Anspruch auf ein Fass venezolanisches Erdöl. Das finden Sie problematisch?

Evans: Damit verpfändet Venezuela seine Erdölreserven. Das ist ja fast noch schlimmer als die Kredite aus China, die wir mit den Erdöleinnahmen der Zukunft bedienen müssen. Venezuela hat sich immer weiter verschuldet und die öffentlichen Ausgaben noch erhöht und angefangen, an der Wall Street Schuldverschreibungen auszugeben.

ZEIT ONLINE: Schuldscheine der staatlichen Erdölgesellschaft Venezuelas sind inzwischen in die Portfolios von US-Großbanken wie BlackRock, JPMorgan Chase oder Goldman Sachs gewandert.

Evans: Was für ein Widerspruch: Angeblich sind wir ein Land auf dem Weg zum Sozialismus – aber unsere wichtigste Industrie verlosen wir an der Börse in Manhattan.

ZEIT ONLINE: Venezuela hat die größten Erdölreserven der Welt. Wie kann ein solches Land in die Staatspleite schlittern?

Evans: Das Problem ist, dass wir das Geld nicht nachhaltig ausgegeben haben. Das Regime hat den Konsum der Bevölkerung subventioniert und nicht darauf geachtet, dass die Quelle unseres Reichtums auch genügend abwirft. In die Erdölindustrie wurde zu wenig investiert. Der Boom der Ölpreise hat zunächst verschleiert, dass die Ölproduktion niederging. Chávez hat die staatliche Erdölfirma PdVSA als Füllhorn benutzt, aus dem man sich bedienen und bedienen kann.

Venezuela - »Du vermisst Venezuela, obwohl du im Land bist« Im Mai wurde Nicolás Maduro in Venezuela erneut zum Präsidenten gewählt. Im Video sprechen junge Venezolaner über die triste Stimmung im Land.

ZEIT ONLINE: Sie waren bis 2013 Teil der Regierung, zwischenzeitlich waren Sie im Erziehungsministerium Vizeminister – hätten Sie Chávez nicht warnen können?

Evans: Niemand hatte das Rückgrat, um Chávez zu sagen, dass wir hier einen Fehler begehen. Natürlich muss auch ich dafür Verantwortung übernehmen. Wir alle haben ja gesehen, dass die Ölindustrie verkommen ist. Womöglich dachten wir, wir hätten nicht die Kompetenz, um das infrage zu stellen. Heute kritisieren lauter Ex-Minister plötzlich Maduro, aber was haben sie damals gemacht?

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie zum Chávismus gekommen?

Evans: Das war nach Chávez' Wahl zum Präsidenten, 1999. Ich war gerade mit dem Studium fertig, da haben die Chávisten an meine Tür geklopft: Hey, du bist doch Politologe, was hältst du davon, wenn du, anstatt in eine große Firma zu gehen, hier nebenan im Armenviertel anfängst zu arbeiten. Da wirst du gebraucht. Das kam mir revolutionär vor, also habe ich angefangen, Sozialarbeit zu machen.

ZEIT ONLINE: Wann haben Sie Zweifel bekommen?

Evans: Ich habe 2009 einen Kongress mitorganisiert, um den Personenkult und die Unangreifbarkeit des Revolutionsführers Chávez kritisch zu hinterfragen. Zwischen Chávez' Anspruch und der Praxis gab es immer einen Widerspruch. In seinen Reden ging es um partizipative Demokratie und darum, dass das Volk die Hauptrolle spielt. Man sprach gerne vom Empowerment und über kommunale Räte, de facto konzentrierte sich die Macht aber immer mehr in seinen Händen. Darüber wollten wir eine Debatte führen. Gleich am nächsten Tag hat der heutige Präsident Nicolás Maduro öffentlich erklärt, wir seien Verirrte, die Unsinn reden würde. Bei ihm ist Sozialismus Chávez – und Chávez ist Sozialismus.