Das Abstimmungsergebnis in Venezuela ist widersinnig: Warum wählen die Venezolaner einen Präsidenten zum zweiten Mal, in dessen fünfjährige Amtszeit ein beispielloser wirtschaftlicher Abstieg fällt? Eine mögliche Antwort ist: Es handelt sich um Wahlbetrug. Viele Anhänger der Opposition in dem karibischen Erdölstaat glauben, die Regierung um Nicolás Maduro manipuliere die Abstimmungsergebnisse, seit die vom verstorbenen Amtsvorgänger Hugo Chávez ausgerufene "bolivarische Revolution" an der Macht ist.

Die Wahrheit ist wohl banaler: Maduro muss die Zahlen gar nicht manipulieren. Er konnte aus zwei Gründen gewinnen. Zum einen sind seine Widersacher gespalten. Ein Teil der Opposition hatte zum Wahlboykott aufgerufen, ein anderer Teil hat den Oppositionskandidaten Henri Falcón unterstützt, ein ehemaliger Chavist, der sich von der bolivarischen Revolution losgesagt hatte und jetzt 21 Prozent der Wahlstimmen bekam. Zum anderen haben die Chavisten unter Maduro die Mobilisierung ihrer Anhängerschaft auf eine bedenkliche Weise perfektioniert: Vor fast 90 Prozent der Wahllokale waren Regierungsstände aufgebaut, an denen die Wahlberechtigten gegen Abgabe eines sogenannten "Vaterlandsausweises" sich einen sogenannten "Bonus" von 10 Millionen Bolivares auf ihr Konto überweisen lassen konnten – etwa der vierfache Monatsmindestlohn in dem unter Hyperinflation leidenden Land. Diesen "Vaterlandsausweis" konnte zwar jeder bekommen, tatsächlich haben ihn vor allem die Mitglieder der chavistischen Massenorganisationen beantragt. Geld gegen Wahlgang – so nutzt die Regierung Maduro ihre Machtposition aus, um ihre Klientel an die Urnen zu treiben. Dass trotz des Geldgeschenks gerade mal 46 Prozent der Wahlberechtigten zur Abstimmung gingen, zeigt den Grad an Fatalismus, der die Bevölkerung des Krisenlandes ergriffen hat.

Nichtsdestotrotz: Es bringt wenig, sich lange daran aufzuhalten, wie demokratisch oder unsauber Maduros Sieg ist. Denn ganz gleich, welche Regierung die Venezolaner wählen oder durch Manipulation vorgesetzt bekommen – sie wird sich nur im Amt halten können, wenn sie die Versorgungssituation im Land schleunigst verbessert. Die Erdölproduktion, fast das einzige Exportgeschäft der Karibiknation, liegt danieder. Durch den Kollaps der Ölförderung verdient der Staat kaum die nötigen Dollars, um die Kredite zu bedienen, die die Chavisten bedenkenlos in den vergangenen Jahren aufgenommen haben. Es fehlt an Devisen, um Nahrungsmittel, Medikamente, Ersatzteile für Busse und Autos zu importieren, die Lebensmittelversorgung stockt und der öffentliche Nahverkehr ist auf ein Minimum reduziert.

Die Tragik der "bolivarischen Revolution"

Die Hyperinflation hat nahezu alle Errungenschaften der sogenannten bolivarischen Revolution – die medizinische Versorgung etwa oder die selbstverwalteten Betriebe und die nachbarschaftlichen Basisorganisationen – zerstört oder paralysiert. Der alte und neue Präsident Nicolás Maduro hat eine "Regierung der Straße" angekündigt, die gnadenlos das bekämpfen soll, was er "Spekulation" nennt. Doch die Hyperinflation, die die Einkommen der Venezolaner entwertet und die Preise in die Höhe schnellen lässt, wird sich nicht durch patriotische Moral niederringen lassen. Sie ist in erster Linie eine Folge von Missmanagement und verantwortungsloser Klientelpolitik. Schon unter dem allmächtigen Comandante Chávez wagte kaum einer zu widersprechen, wenn die staatseigene Erdölgesellschaft als Goldesel für den in den fetten Jahren der "bolivarischen Revolution" importierten Wohlstand herhalten musste, während die Ölquellen versiegten, die Förderanlagen und Raffinerien kaputtgingen und die Ingenieure das Land verließen. Unter Maduro ging es mehr denn je um den Machterhalt der bolivarischen Führungsclique, um eine nachhaltige Wirtschaftspolitik hat man sich nicht geschert.

Maduros unterlegener Kontrahent Henri Falcón hatte mit der "Dollarisierung" des Landes um Wählerstimmen geworben. Tatsächlich wird es kaum einen anderen technischen Ausweg aus der Hyperinflation geben als eine Währungsreform, die das venezolanische Geld an den Dollar bindet. Auch der Wiederaufbau der Erdölindustrie wird schwerlich zu haben sein, ohne dass Venezuela die transnationalen Ölkonzerne einbezieht, ihnen Einfluss und satte Verdienstmöglichkeiten bietet. Von wegen Sozialismus: Venezuelas Verhandlungsposition ist heute schlechter als in den Neunzigerjahren, als der verhasste Internationale Währungsfonds den lateinamerikanischen Ländern eine Sparpolitik diktierte, die zu Hungeraufständen führte. Das ist die große Tragik der "bolivarischen Revolution": Auch wenn Venezuelas Präsident Maduro noch so antiimperialistische Kampfreden hält – das Land ist abhängiger von seinen Gläubigern als in den schlimmsten Zeiten des Neoliberalismus.