Hupende Autokorsos kreuzten durch die Straßen. Teile von Beirut verwandelten sich nach dem Wahltag in ein Meer von gelben Hisbollah-Fahnen. "Das ist ein politischer und moralischer Sieg für uns", deklamierte Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah.

Nach vorläufigen Ergebnissen konnte seine Fraktion bei den Parlamentswahlen am Sonntag ihre 13 Mandate verteidigen, zusammen mit ihren politischen Verbündeten sogar zum ersten Mal eine deutliche Mehrheit in der 128-köpfigen Volksvertretung erringen. Bis zum Dienstagabend gab es zwar immer noch keine offiziellen Endergebnisse. Hisbollah-Gegenspieler Saad Hariri aber, der vom Westen und von Saudi-Arabien unterstützte sunnitische Premierminister, räumte seine Niederlage ein. Seine "Zukunftsbewegung" habe zwölf ihrer bisher 33 Sitze eingebüßt, gab er bekannt – ein Verlust von 35 Prozent. Trotzdem sei er bereit, weiterhin dabei mitzuwirken, "die Stabilität im Land zu sichern und das Leben aller Libanesen zu verbessern", erklärte er in einer kurzen Ansprache vor seinen Anhängern.

"Ein Sieg für die iranische Achse"

Für das Hisbollah-Lager dagegen ist dieser Wahlsieg ein mehrfacher Triumph. Alle innenpolitischen Forderungen, die Schiitenmiliz als Staat im Staat zu entwaffnen, dürften nun endgültig und auf absehbare Sicht vom Tisch sein. Auch der siebenjährige Kriegseinsatz in Syrien, wo mehrere Tausend libanesische Bewaffnete an der Seite des Assad-Regimes kämpfen, findet offenbar breite Zustimmung bei den schiitischen Libanesen. Und Hisbollah-Schutzmacht Iran liegt nach diesem Triumph bei ihrem Ringen mit dem Erzrivalen Saudi-Arabien erneut vorn. Das Ganze sei ein Sieg für die "iranische Achse", sagte Kassem Kassir, libanesischer Politologe, der mit der Hisbollah sympathisiert. Trotzdem werde die Hisbollah-Führung bei allen ihren Entscheidungen das Wohl des gesamten Landes im Auge behalten. Die Schiitenmiliz wolle den Libanon nicht absolut kontrollieren, schließlich stehe der kleine Mittelmeeranrainer vor vielen Herausforderungen und sei angewiesen auf ausländische Unterstützung.

Aus dem Iran dagegen kamen weit schärfere Töne. "Das libanesische Volk und ihre Repräsentanten, die Hisbollah und die anderen Widerstandsgruppen, haben eine Sieg errungen im Kampf gegen Israel und seine Verbündeten, einschließlich der Vereinigten Staaten", erklärte Ali Akbar Welajati, der außenpolitische Berater von Revolutionsführer Ali Chamenei.

Zu der Niederlage des Hariri-Lagers beigetragen dürfte vor allem das Zögern des 48-jährigen Premiers, dem politischen und militärischen Treiben der Hisbollah energischer entgegenzutreten, wie es viele sunnitische Wähler von ihm erwarten. Diese wandten sich deshalb diesmal nationalkonservativen und militaristischen Gruppierungen zu, allen voran den "Libanesischen Kräften" des früheren Warlords Samir Gagegea, der seit Jahren gegen die Bewaffnung der Hisbollah und deren Intervention in Syrien wettert. Und so konnte Gagegeas Liste offenbar ihre Mandate von acht auf 15 nahezu verdoppeln.

Hinzu kommt der bizarre Zwischenfall vor einem halben Jahr in Saudi-Arabien, als der dortige Kronprinz Mohammed bin Salman den libanesischen Regierungschef zwang, aus dem fernen Riyadh seinen Rücktritt zu erklären. Durch französische Vermittlung scheint der Riss inzwischen gekittet, auch widerrief Hariri nach seiner Rückkehr in Beirut seine Demission. Doch für viele Libanesen hinterließ diese völlig unverblümte Einmischung des ölreichen Königreiches in innerlibanesische Angelegenheiten einen bitteren Beigeschmack.

An der grundsätzlichen Machtstruktur ändert sich wenig

Die letzten regulären Wahlen im Libanon fanden im Jahr 2009 statt. Damals blieb die Hisbollah-Koalition mit 57 der 128 Sitze in der Minderheit, konnte also zentrale Gesetzesvorhaben nicht blockieren. Nach Ablauf der Legislaturperiode 2013 verlängerten die Abgeordneten mehrfach ihre Mandatszeiten mit dem Argument, Wahlen abzuhalten sei in der gegenwärtigen Lage zu gefährlich. Und so war die Abstimmung am Sonntag der erste Urnengang in dem Zedernstaat seit Beginn des Syrienkrieges.

Über eine Million Flüchtlinge aus dem Nachbarland leben inzwischen im Libanon, zum großen Teil unter erbärmlichen Bedingungen. Sie machen 25 Prozent der Bevölkerung aus. Die Wahlbeteiligung lag diesmal bei 49 Prozent, geringer als vor neun Jahren, als 54 Prozent der Bevölkerung zu den Urnen gingen. In der Hauptstadt Beirut, wo die Hälfte der etwa 4,5 Millionen Libanesen lebt, gaben je nach Wohnbezirk zwischen 32 und 42 Prozent ihre Stimme ab.

An der grundsätzlichen Machtstruktur des Libanon jedoch wird sich durch dieses Wählervotum wenig ändern, weil in dem multireligiösen Staat alle wichtigen Ämter bereit vorab per Verfassung verteilt sind. So geht die eine Hälfte der Parlamentssitze an Muslime, die andere Hälfte an Christen. Der Präsident ist immer ein maronitischer Christ, seit Oktober 2016 bekleidet Michel Aoun dieses Amt. Die Schiiten stellen den Parlamentspräsidenten. Seit einem Vierteljahrhundert steht Nabih Berri an der Spitze der Volksvertretung. Er kann sich weigern, einzelne Gesetze auf die Tagesordnung zu setzen, was ihm eine Art Vetorecht in der Legislative gibt. Der Premierminister wiederum ist stets ein Sunnit, wie seit Dezember 2016 Saad Hariri.