Die französische Kritik an Italiens Umgang mit dem Flüchtlingsschiff Aquarius hat politische Folgen: Die italienische Regierung bestellte als Konsequenz den französischen Botschafter ein. Nach den "überraschenden" Äußerungen des französischen Präsidenten Emmanuel Macron werde der französische Botschafter Christian Masset am Vormittag im Außenministerium erwartet, verlautete es aus diplomatischen Kreisen in Rom.

Macron hatte Italien "Zynismus und Verantwortungslosigkeit" vorgeworfen, weil das Land sich weigert, die 629 Flüchtlinge an Bord der Aquarius aufzunehmen. Der Präsident appellierte an Italien, das internationale Seerecht zu achten. Es schreibe vor, "dass im Notfall die am nächsten gelegene Küstenregion eine Pflicht zur Aufnahme" von Flüchtlingen habe. Die Kritik Macrons erfolgte kurz vor dem Antrittsbesuch des neuen italienischen Ministerpräsidenten Giuseppe Conte am Freitag in Paris.

Dessen Regierung reagierte äußerst verärgert auf Macrons Worte. Sie brauche "keine heuchlerischen Lektionen" von Ländern wie Frankreich zum Flüchtlingsthema. Innenminister Matteo Salvini von der rechtsradikalen Lega antwortete laut italienischen Medien, Frankreich habe selbst mehr als Zehntausend Menschen an der Grenze zu Italien zurückgewiesen. Außerdem machte Salvini Frankreich für die politische Instabilität in Libyen und den südlich liegenden Regionen verantwortlich.

Auch Hilfsorganisationen werfen Frankreich immer wieder vor, Migranten aus Italien mit Gewalt zurückzudrängen.

Die Flüchtlinge auf dem Hilfsschiff Aquarius sind inzwischen nach tagelanger Ungewissheit auf dem Weg nach Spanien: Die Aquarius sowie zwei italienische Schiffe starteten am Dienstagabend in Richtung Valencia. Die Reise dauere mindestens vier Tage, teilte die Organisation SOS Méditerranée mit. Die 629 Flüchtlinge harren seit dem Wochenende auf dem Schiff im Mittelmeer aus. Spanien hatte sich am Montag bereit erklärt, die Flüchtlinge aufzunehmen, nachdem Italien und Malta sich geweigert hatten.

Schiff mit 932 Flüchtlingen in Italien

Am Mittwoch zeigte sich allerdings, dass Italien sehr wohl weiter Flüchtlinge und Migranten aufnimmt: Im sizilianischen Catania landete ein Schiff der italienischen Marine mit 932 Flüchtlingen. An Bord befanden sich laut Medienberichten auch zwei Leichen. Die Migranten waren am Wochenende bei sieben Rettungsoperationen aus dem Mittelmeer gerettet worden. Laut Beobachtern könnte das den neuen Kurs der italienischen Regierung zeigen: Ausländische Rettungsschiffe werden abgewiesen, italienische Schiffe dagegen in die Häfen gelassen.