Der Westjerusalemer Ofer Waldman kam 1999 nach Berlin als Mitglied des West-Eastern Divan Orchesters von Daniel Barenboim. Waldman promoviert an der Freien Universität Berlin und an der Hebräischen Universität Jerusalem und schreibt freiberuflich Hörspiele. Hier beschreibt er seine Gedanken anlässlich des Besuchs des israelischen Premiers Benjamin Netanjahu in Berlin.

Heute war mein Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zu Besuch in Deutschland. Mein Ministerpräsident? Ja, so ist es in der Demokratie: Obwohl ich ihn nicht gewählt habe, handelt er auch in meinem Namen. Ich bin schließlich israelischer Staatsbürger, womit ich, mit Karl Jaspers gesprochen, die kollektive Haftung für die israelische Staatlichkeit mittrage. 

Netanjahu bereist gerade die Hauptstädte Europas. Er möchte für die Entscheidung seines neuen politischen Verbündeten im Weißen Haus, US-Präsident Donald Trump, das Atomabkommen mit dem Iran aufzukündigen, um Unterstützung werben.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihn wie erwartet höflich, aber kühl empfangen. Dies liegt jedoch nicht an den Meinungsverschiedenheiten zwischen Israel und Deutschland in Sachen Iran, sondern vielmehr an Netanjahus Unfähigkeit, oder Unwilligkeit, das heutige tragende Fundament der deutsch-israelischen Freundschaft anzuerkennen.

Ich bin 1999 nach Berlin gekommen, als Musiker des West-Eastern Divan Orchesters. Das Israel, das ich damals verließ, versuchte sich vom Attentat an Ministerpräsident Izchak Rabin zu erholen und stand kurz vor einem erneuten Anlauf, einen Friedensvertrag mit den Palästinensern auszuhandeln. Es schien, als ob die Mehrheit der Israelis erkannte, dass die Besatzung, die systematische, ethnisch kodierte Aberkennung von Menschenrechten, menschenverachtend ist und das Fundament der israelischen Demokratie untergräbt. 1999 schickte sich Israel an, in die demokratische Wertegemeinschaft und damit zu seinen eigenen Gründungswerten zurückzukehren.

Fast 20 Jahre sind seitdem vergangen. Netanjahu wird heute von politischen Kräften getragen, die alles daran setzen, die Besatzungs- und Siedlungspolitik Israels aufrechtzuerhalten. Die Floskel, Israel sei die einzige Demokratie im Nahen Osten – was für ein Maßstab! –, verliert mit jeder Siedlungserweiterung, mit jeder nationalistischen Gesetzesvorlage zunehmend an Bedeutung. Netanjahu argumentiert in Europa immer seltener mit gemeinsamen demokratischen Werten, sondern er setzt auf eine andere Taktik, hostis hostis noster: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Beim Feind sind der Islam und die Muslime gemeint.

In der israelischen Politik hört man immer wieder, Israel sei die vorderste Bastion des Westens. Wer diese Weltsicht teilt, gehört schnell zum engsten Zirkel. Ein Blick auf die Rednerliste bei der Eröffnungszeremonie der US-Botschaft in Jerusalem verrät, dass man dabei nicht allzu wählerisch ist. Neben dem amerikanischen Botschafter und Netanjahu selbst durfte dort beispielsweise der evangelistische Pastor John Hagee einige Worte vortragen. Hagee hat einst den Holocaust als "gottgewollt" beschrieben, auch betrachtet er die Existenz Israels als notwendige Vorstufe des Armageddons. Wer auch immer in das Wir-gegen-sie-Schema passt, wird von der israelischen Führungsriege willkommen geheißen.

Der Antisemitismusbegriff wird missbraucht

Beschämt stellen wir, Israelis und Juden, fest, wie die europäischen Kräfte, die den Islam und die Muslime als eine Bedrohung für das europäische Abendland halten, dieser Einladung ebenfalls folgen. Eine unmögliche Allianz wird geschmiedet: Auf Pegida-Demonstrationen werden israelische Fahnen geschwenkt. Rechtspopulistische Politiker, wie die damalige AfD-Sprecherin Frauke Petry oder der FPÖ-Vorsitzende Heinz-Christian Strache, bereisen Israel auf der Suche nach einem Koscher-Siegel für ihre Politik.

Netanjahu war einer der ersten Gratulanten von Viktor Orbán nach dessen jüngstem Wahlsieg. Trotz Orbáns reaktionärer Sicht auf die ungarische Vergangenheit lud Netanjahu kurzerhand die Visegrád-Gruppe, die Europas Scharfmacher in der islamkritischen Flüchtlingspolitik vereint, ein, ihr nächstes Treffen in Israel abzuhalten. Der Antisemitismus solcher Personen und Bewegungen wird ignoriert.

Anders wird mit Angriffen muslimischer Bürger oder Asylbewerber auf Juden in Deutschland verfahren. Diese werden oft dramatisch kommentiert, schnell heißt es dann, der Islam würde das jüdische Leben bedrohen, ob in Deutschland, Israel oder anderswo. Besorgte Freunde aus Israel fragen, ob ich mich noch traue, Hebräisch auf der Straße zu sprechen. Die antiisraelische, oft auch antisemitische Haltung, die von einigen der Neuankömmlinge nach Deutschland gebracht wird, darf nicht verharmlost werden.