Das britische Parlament hat viele Bewunderer. Bestaunt wird vor allem die wöchentliche Befragung der Premierministerin: Sie muss dem Oppositionsführer und anderen Abgeordneten auf deren Fragen antworten. Das sieht aus wie gelebte Demokratie. Das Unterhaus, so scheint es, erfüllt seine Aufgabe als Parlament: Regierungskontrolle. Viele deutsche Abgeordnete, die auf den Zuschauerrängen das Frage- und Antwortspiel verfolgt haben, kehren beeindruckt nach Berlin zurück.

Offenbar so beeindruckt, dass man etwas Ähnliches nun auch im deutschen Bundestag versuchen will. Um 12.30 Uhr wird Bundeskanzlerin Angela Merkel im Reichstag zur Regierungsbefragung auftreten. Das ist ein erster Versuch, die Debatten im Parlament lebhafter zu machen. Die Befragungen hat die SPD in den Koalitionsvertrag rein verhandelt. Nach Merkels Auftritt wollen die Fraktionen im Bundestag weiter überlegen, wie man die Geschäftsordnung ändern könnte, um eine solche Regierungsbefragung dauerhaft zu etablieren. Dabei werden viele nach Großbritannien schauen.

Der Ablauf der Debatten hat etwas Theatralisches

Doch wie vorbildlich ist das britische Parlament wirklich? Die Auftritte sind zwar lebhafter als in Deutschland. Doch viele Briten finden die Aufführung ihrer Abgeordneten eher abstoßend. Vor vier Jahren veröffentlichte die parlamentarische Hansard Society eine ausführliche Untersuchung darüber, wie die Bevölkerung die Arbeit ihres Parlaments bewertet (PDF). Zum Parlament fielen den Teilnehmern verschiedener Fokusgruppen vor allem Adjektive wie "altmodisch", "unehrlich", "unzugänglich" und "schwer zu verstehen" ein. Die Fragestunde des Premiers fanden sie "kindisch", "sinnlos", "laut" und "übertrieben", empfanden die PMQ – so die Abkürzung für die Prime Minister Question Time –  als "Theater".

Tatsächlich hat die rituelle Aufführung etwas Theatralisches. "Fragen an die Premierministerin", ruft der Sprecher des Hauses, derzeit der Tory-Abgeordnete John Bercow, zur Eröffnung mit der Stimme eines Marktschreiers. Dann nennt er den Namen eines Abgeordneten, der die erste Frage stellen darf. "Yeah, yeah" und "hear, hear", schallt es von den Rängen zurück. Die oder der Aufgerufene steht auf, ruft "Frage Nummer eins" und setzt sich wieder. Jetzt tritt der oder die Premierministerin, derzeit Theresa May, an ihr Rednerpult, die sogenannte Depeschenkiste – Vorgängermodelle dienten als Transportbehälter wichtiger Nachrichten und gehen zurück bis zur Regierungszeit von Königin Elisabeth I. "Danke, Herr Sprecher", wendet sich die Regierungschefin an den Abgeordneten Bercow, der erhöht auf einer Art Thron zwischen den Reihen von Regierung und Opposition sitzt.  

Elitäres Gehabe?

May beginnt mit einem Blick in ihren Terminkalender: "Heute habe ich die folgenden Verabredungen." Dann setzt sie sich wieder. Es erhebt sich die oder der zuvor aufgerufene Abgeordnete und stellt die erste Frage. So nimmt die Fragezeit ihren Lauf. Nach den ersten Abgeordneten ist der Oppositionsführer an der Reihe. Er darf sechs Fragen stellen. Es folgt der Kopf der nächstgrößten Oppositionspartei mit zwei Fragen, und schließlich weitere Abgeordnete.

Bei allen Fragern gilt die strikte Regel, niemals seinen Gegenüber direkt anzusprechen. Jede Frage wird an den "Herrn Sprecher" gerichtet. Die Premierministerin, alle Minister und Abgeordneten werden mit "sie" oder "er" bezeichnet oder als "mein recht ehrenhafter Freund" oder das "recht ehrenhafte Mitglied für" den jeweiligen Wahlkreis.

"Elitär" fanden der Umfrage zufolge viele Briten dieses Gehabe. Das ritualisierte Spektakel, begleitet vom Schreien, gegenseitigen Demütigen und Lächerlichmachen der Politiker, erscheint vielen Briten als Schauspiel einer eingeschworenen Clique von Privilegierten. Wer im Parlament sitzt, gehört zum Club der Insider. Die Debattierklub- und Privatschulvergangenheit vieler Parlamentarier schimmert immer wieder durch.

Tatsächlich darf eine weite Öffentlichkeit erst seit wenigen Jahrzehnten teilnehmen. Bis in die Siebzigerjahre kannten die meisten Briten PMQs bestenfalls vom Hörensagen. Erst 1978 erlaubte das Unterhaus der BBC, die Debatte live im Radio zu übertragen. Es dauerte noch mal über zehn Jahre, bis im November 1989 die ersten TV-Kameras die Debatten übertrugen. Heute geben über die Hälfte der Briten an, in den letzten zwölf Monaten den Schlagabtausch zwischen Premier und Oppositionsführer gesehen oder gehört zu haben. Jeder sechste verfolgt die gesamte halbe Stunde.