Wer ist für die Bundeswehr der gefährlichere Gegner: der "Islamische Staat" oder ein Kieselstein? Auf dem Luftwaffenstützpunkt Al-Azraq in Jordanien stellt sich diese Frage spätestens, wenn Fahrzeuge kurz vor den deutschen Jets gestoppt und akribisch auf kleine Steinchen untersucht werden. Davon gibt es hier reichlich, bis zum Horizont: öde vielleicht, aber eigentlich ungefährlich. Nur im Triebwerk eines startenden Tornados wird der Kiesel bei 19.400 Umdrehungen in der Minute zum Zerstörer. "Am Ende steht in der Regel der Triebwerkausfall", erklärt ein Hauptmann.

Der andere Gegner wiederum, der "Islamische Staat", galt schon vor Monaten als "nahezu militärisch besiegt", so sagte es Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, als sie im Januar die 280 deutschen Soldaten in Jordanien besuchte. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel wird es womöglich wiederholen, wenn sie an diesem Donnerstag den Stützpunkt besucht. Was also kann die Bundeswehr hier noch ausrichten?

Das Kontingent in Al-Azraq ist der Beitrag zur internationalen Anti-IS-Koalition, den Deutschland nach den islamistischen Anschlägen von Paris im Herbst 2015 zugesagt hatte. Die Truppe liefert mit einem Tankflugzeug Kerosin auch für die Verbündeten, und vier deutsche Tornados klären das Kampfgebiet des IS auf. Dessen Terrorkalifat, das zeitweilig geschätzte sieben Millionen Menschen unter seine Herrschaft zwang, ist zusammengeschrumpft auf ein paar Wüstenstreifen an der syrisch-irakischen Grenze. Seine Kommandozentralen sind zerstört. Im vergangenen Herbst bilanzierte die Führung der Anti-IS-Koalition häufig zwischen 40 und 65 Militärschläge am Tag auf ihrer Internetseite. In diesem Frühjahr kam man selten auf mehr als ein Zehntel dessen. Heute spüren die Kampfjets zumeist verstreuten Terroristengruppen nach, die sich als Beduinen in der Wüste tarnen.   

"Sie bekämpfen den IS ohne IS"

Im Januar hatte von der Leyen bei ihrem Besuch folgerichtig angekündigt, der Charakter der Mission werde sich verändern. Doch als der Bundestag im März die Verlängerung des Mandats beschloss, änderte sich für die Truppe in der jordanischen Wüste nichts. Der Obmann der Linken im Verteidigungsausschuss, Alexander Neu, fasste das im Bundestag so zusammen: "Sie bekämpfen den IS ohne IS."

Die Tornados starten weiterhin von Jordanien aus an sechs Tagen pro Woche zu zweit Richtung Irak oder Syrien. Der Kommandant der Einheit, Oberst Kristof Conrath, erklärt Besuchern gern, wie aufwändig jeder Aufklärungsauftrag bearbeitet wird. Wenn die Zieldaten zu einem möglichen IS-Versteck eintreffen, bekommt sie ein Bundeswehroffizier, der sogenannte Red Card Holder mit Sitz in Katar, und prüft: Stimmt der Auftrag mit unserem Mandat überein, das uns ausschließlich Vorgehen gegen den IS erlaubt? Nur dann, betont Conrath, werde der Auftrag angenommen. Der Red Card Holder lehnt laut Bundeswehr auch durchaus Anfragen ab.

In 7.000 Metern Höhe überfliegen die Piloten die verdächtigen Orte und nehmen hochauflösende Fotos auf. Noch aus der Luft senden sie die ersten Bilder an ihre Kameraden in der Auswertung, die darauf kleinste Details erkennen. "Die Auswerter stellen fest, ob ein geparkter Pick-up Maschinengewehre aufgeschraubt hat oder nicht", nennt Oberst Conrath als Beispiel. Sie erkennen, ob sich die Tür eines möglichen Unterschlupfes nach innen oder nach außen öffnet und schließen von bestimmten Spuren im Sand auf den Fahrzeugtyp. Das kostet Zeit: Sechs bis acht Stunden vergehen in der Auswertungsphase, bevor der Red Card Holder auch die Ergebnisse der Aufklärung auf Konformität mit dem Mandat überprüft. Etwa 24 Stunden nach Beauftragung erhalten die Bündnispartner das Resultat. 24 Stunden, in denen sich die Situation am möglichen Angriffsziel längst wieder verändert haben kann.

Kein Feedback von den Verbündeten

Mitte Oktober vergangenen Jahres starteten die Tornados erstmals von Al-Azraq aus, nachdem das Kontingent in den zwei Monaten zuvor mit seinen 200 Containern von der Türkei nach Jordanien umgezogen war. Das Königreich mit Grenzen zu Syrien und zum Irak hatte sich angeboten, nachdem die Türkei deutschen Bundestagsabgeordneten Truppenbesuche verweigert hatte und der Standort dort zur Disposition stand. Seither starteten die Tornados von Al-Azraq aus an mehr als 200 Tagen, die Quote von abgebrochenen Starts oder Flügen wegen technischer Mängel ist laut dem Kommandanten minimal. Trotz der Kieselsteine. Das ist schon fast eine Nachricht in Zeiten, in denen die Bundeswehr sonst Schlagzeilen damit macht, dass sie sich Ausrüstung zusammenleihen muss oder ein Großteil ihrer Hubschrauber alles Mögliche kann, bloß nicht fliegen.

Die vier Kampfjets in Jordanien haben zwar eine Hülle aus den Achtzigern, aber innen neueste Software und Technik an Bord. "Da haben Sie ein hochmodernes Cockpit vor sich, das kann Sachen, die der Eurofighter nicht kann", sagt in Berlin der Grünen-Politiker Tobias Lindner – als Verteidigungsexperte nicht dafür bekannt, der Bundeswehr unnötig Komplimente zu machen. Doch er sieht einen gravierenden Nebeneffekt: "Sinnvollerweise bekommen die Auslandseinsätze ja das funktionierende Material der Truppe mit. Wir haben aber wenig funktionierendes Material, weshalb die Bundeswehr im Heimatland dann kaum üben kann." 

Die Mission in Jordanien verläuft also technisch offenbar reibungslos. Derweil gibt es aber immer stärkere Zweifel an ihrem Sinn. So auskunftsfreudig der Kommandant bei Details zum Ablauf ist, so einsilbig fällt die Antwort auf die Frage nach ihrem militärischen Nutzen aus: "Wir bekommen von den Partnern der Anti-IS-Koalition kein Feedback", sagt Oberst Conrath. Haben die Amerikaner die deutschen Ergebnisse für einen Angriff genutzt? Waren sie hilfreich? Auf dem deutschen Stützpunkt erfährt das niemand.

Lagebild "noch etwas schärfer stellen"

Bei den Verbündeten lässt sich das auch nicht ermitteln. Wie hat die Koalition es kompensiert, als während des Umzugs von der Türkei nach Jordanien die deutschen Tornados für zwei Monate ausfielen? Der Pressechef der Anti-IS-Koalition mit Sitz in Bagdad empfiehlt, man solle diese Frage dem Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam stellen. Offenbar sollen die Deutschen lieber selbst bewerten, wie effektiv ihr Beitrag ist. Erst auf nochmalige Nachfrage gibt es die diplomatische Formulierung: "Wie der Beitrag eines jeden Koalitionspartners, so ist auch der deutsche Beitrag zur Aufklärung entscheidend und geschätzt."

Die Deutschen können es kaum anders sagen. "Es heißt dann immer sinngemäß, die Tornados tragen zur Lagebildverdichtung bei, und helfen durch ihre Aufklärungsergebnisse mit", beschreibt Tobias Lindner die Antworten des Verteidigungsministeriums auf seine Fragen nach dem Effekt der Mission. "Tragen bei" und "helfen mit" – derart dehnbare Begriffe schüren Zweifel. "Ich frage mich schon, wie viel von dem Einsatz in Wirklichkeit nur Symbol ist. Und was ist tatsächlich ein Mehrwert für diese Koalition?" 

"Im Bereich von fünf Prozent, also überschaubar", schätzt Militärexperte Christian Mölling von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik den Mehrwert ein, der bei Ausfall der deutschen Aufklärer nicht ersetzt werden könnte. Mit den Tornados kann man das Lagebild vom Boden "noch etwas schärfer stellen", so beschreibt es Mölling, "und jede zusätzliche Information minimiert natürlich das Risiko, dass sie mal ein falsches Ziel beschießen. Darum ist man für alles dankbar." Kosten sollte der deutsche Mehrwert in den ersten drei Monaten des Jahres 22 Millionen Euro. Für die aktuelle Einsatzspanne von April bis Ende Oktober nennt das Verteidigungsministerium keine Zahl.

"Es zählt, Flagge zu zeigen"

Von Kritikern wird nicht nur der Nutzen der Mission immer stärker infrage gestellt. Von Beginn an umstritten war die völkerrechtliche Grundlage des Bundeswehreinsatzes, die bis heute in seltener Übereinstimmung Grüne, Linke und AfD anzweifeln. Die Bundesregierung legitimiert das Mandat unter anderem mit einer Resolution des UN-Sicherheitsrats von 2015. Die fordert dazu auf, in Syrien und im Irak "alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen", um Terror zu verhüten und zu unterbinden – "unter Einhaltung des Völkerrechts". Das Völkerrecht sehen viele Kritiker jedoch nicht eingehalten, wenn Einsätze über syrischem Hoheitsgebiet geflogen werden. Anders als die irakische Regierung hat Syriens Präsident Baschar al-Assad die Einsätze nicht erbeten.

Die SPD weist die Kritik zurück: "Weite Teile Syriens waren 2015 gar nicht unter Kontrolle des Regimes. Darum gibt es ja die Resolution, weil Syrien selbst nicht in der Lage war, das Problem zu lösen", erklärt der außenpolitische Sprecher Nils Schmid. "Der Zusatz 'unter Einhaltung des Völkerrechts' bedeutet nicht, dass das syrische Regime allein entscheidet, wer auf syrischem Gebiet gegen Terrorismus vorgeht."

Seit Januar wird der Einsatz gegen den "Islamischen Staat" zudem weiter belastet durch das Vorgehen des Anti-IS-Verbündeten Türkei gegen Kurden in Nordsyrien. Angriffe, bei denen "Tausende von Zivilisten verfolgt sind, zu Tode kommen oder flüchten müssen", wie Bundeskanzlerin Merkel in einer Regierungserklärung festhielt. Sehr viel positiver dürfte die Kanzlerin urteilen, wenn sie den deutschen Anti-IS-Einsatz beim Truppenbesuch in Al-Azraq bilanziert – trotz des fragwürdigen Partners Türkei, einer umstrittenen UN-Legitimation, offenbar begrenztem militärischen Nutzen und einem Gegner, der nur noch schwer auffindbar ist. "Bei solchen Aktionen kommt es sehr auf die Symbolik an, auf Solidarität", fasst Militärexperte Mölling zusammen. "Es zählt, Flagge zu zeigen."