Über den Handschlag machten sie sich in den USA am meisten Sorgen. Schließlich kennen sie ihren Präsidenten, der dazu neigt, schon in den ersten Momenten die Machtverhältnisse klarstellen zu wollen, indem er den Gesprächspartner umständlich an sich heranzieht oder das Händeschütteln zu einer Art Armdrücken umfunktioniert. Entsprechend hätte der Handschlag auch und gerade in Singapur über Erfolg oder Misserfolg des ersten Treffens mit Kim Jong Un entscheiden können. 

Am Ende konnten die Handschlaganalysten aufatmen. In den 13 Sekunden habe es kein Gezerre gegeben, stellten die Kollegen der Washington Post beruhigt fest. Trump habe nur, wie so oft, kurz den Ellenbogen des nordkoreanischen Machthabers ergriffen und ihm dann auf den Rücken geklopft. Beide Politiker hätten in den ersten Sekunden düster nervös gewirkt; Kim habe erst gelächelt, als Trump ihn respektvoll am Ellenbogen ins Innere des Hotels führte, notierte die New York Times. Dieser Moment sei es gewesen, in dem sich die anfängliche Anspannung gelöst habe. 

Dass Kim eine Lesebrille in der Hand trug, werteten die Skeptiker allerdings als böses Omen: Es lasse den Machthaber aus Nordkorea womöglich als den Besonneneren und Überlegteren der beiden erscheinen, befürchteten sie. Für viele sollte sich das wenige Stunden später nach dem Treffen im Capella Hotel bewahrheiten: Es ist ein historisches Treffen mit zweitklassigem Ergebnis gewesen, urteilte beispielsweise die Organisation Arms Control Association. Trump sei es wie immer vor allem um die Optik gegangen, weniger um die Substanz. Der Präsident habe deutlich weniger vorzuweisen als frühere Verhandlungsführer, schrieb auch der demokratische Abgeordnete Ted Lieu. Die Vereinbarung bleibe hinter dem Iran-Abkommen zurück, das er gerade erst aufgekündigt habe. "Es sieht so aus, als sei Trump in Singapur hereingelegt worden", fasste es der Nordkorea-Experte Nicholas Kristof in der New York Times zusammen

Trump habe dem nordkoreanischen Machthaber konkrete und weitreichende Zugeständnisse gemacht, während Kim sich weder inhaltlich noch zeitlich habe festlegen müssen, meinen viele Experten. "Das Dokument beinhaltet überhaupt nichts", sagte der lange für die Nordkorea-Politik zuständige US-Diplomat Joseph Yun. Ein Zeitplan habe es in dem einseitigen Dokument – das Trump selbst als "umfassend" bezeichnete – genauso gefehlt wie Verpflichtungen, Inspektoren ins Land zu lassen, Interkontinentalraketen zu zerstören oder Programme für die Anreicherung von Uran und Plutonium einzufrieren. Kim habe lediglich denselben "Willen zur Denuklearisierung" gezeigt wie schon sein Großvater Kim Il Sung 1992 zeigte, ohne konkrete Schritte zu unternehmen, so Kristof. "Es ist gruselig, dass Trump das nicht zu merken scheint."

Die wohl wichtigste Erkenntnis des Treffens lag am Ende aber weniger in den Inhalten der Vereinbarung als in der Symbolik am Rande. Beim Treffen der G7-Staaten in Montreal vor wenigen Tagen habe der Präsident bitter gewirkt und mit verschränkten Armen und stoischem Gesicht an den Gesprächen teilgenommen, bevor er vorzeitig nach Singapur abgereist sei, kommentierte die Washington Post. In Nordkorea dagegen habe er sich "geehrt" gezeigt und am Ende gar die propagandistische Sprache des Regimes übernommen. Der Präsident, das sei in dieser Woche deutlich geworden, suche den Schulterschluss mit Diktatoren und "Muskelmännern", während er die alten Bündnisse zu westlichen Demokratien auf die Probe stelle. 

Fernsehtaugliche Geschichte

Das liege nicht nur daran, dass der G7-Gipfel für Trump eine unangenehme Verpflichtung gewesen sei, während das Tête-à-Tête mit Kim Jong Un die Gelegenheit geboten habe, fernsehtaugliche Geschichte zu schreiben. Mit der engstirnigen Betonung von nationalen Interessen, globalen Verschwörungstheorien und seiner Verachtung für internationale Institutionen befinde sich der Mann im Weißen Haus auch inhaltlich weniger auf der Linie von Merkel, Trudeau und Macron und mehr auf der von Kim, Duterte und Putin. Auch mit der Ankündigung aus Singapur, auf Militärübungen im Süden der koreanischen Halbinsel zu verzichten, breche der US-Präsident nicht nur mit Konventionen, sondern sende auch ein Signal an die alten Verbündeten in Südkorea und Japan, dass der Schutz durch die Amerikaner löchriger sein werde. 

Der US-Präsident selbst legte bereits wenige Stunden nach dem Gipfeltreffen nach. In einem Interview mit dem Trump-nahen Sender Fox News sagte er, Kim werde "quasi sofort" mit der Denuklearisierung beginnen. Der Prozess komme "wirklich sehr schnell voran". Moderator Sean Hannity bezeichnete das Treffen zwischen dem US-Präsidenten und Kim Jong Un als ähnlich bedeutend wie das zwischen Ronald Reagan und Michail Gorbatschow in Reykjavík 1986, das zu einer ersten Annäherung zwischen den verfeindeten Weltmächten geführt hatte.

Tatsächlich waren beiden Treffen monatelange, öffentliche Anfeindungen vorangegangen. Erst vor wenigen Monaten hatten Trump und Kim noch öffentlich mit "Feuer und Wut" gedroht, auf Twitter brüstete sich Trump damit, den größeren "Button" zu haben, der die Atomrakete starte. Dass der Gipfel in Singapur vor diesem Schlagabtausch ein Fortschritt ist, daran gibt es auch unter den Liberalen im Land keinen Zweifel. Es sei besser, wenn die beiden Führer Komplimente statt Raketen austauschten, schrieb Nicholas Kristof. Doch Trump habe in Singapur vor allem die Spannungen abgebaut, die er selbst verursacht habe. Es sei falsch, ihm das als Erfolg anzurechnen.