Die Walton Street ist eine staubige Straße in der New Yorker Bronx, Werkstätten und Lagerhallen zu beiden Seiten. Nur eine der Hallen hat eine verspiegelte Fensterreihe weit oben über der Straße. Überwachungskameras filmen die wenigen Passanten, vor der Tür des Cayuga Centers parkt ein Polizeiauto. Niemand würde ahnen, dass irgendwo hinter den Fenstern 239 Kinder darauf warten, ihre Eltern wiederzusehen.

In der Nacht auf Mittwoch filmte der lokale Fernsehsender NY1, wie fünf kleine Mädchen nach Mitternacht ins Cayuga Center gebracht wurden. Am darauffolgenden Tag die Bestätigung: Sie gehören zu den 2.300 Kindern, die an der mexikanischen Grenze von ihren festgenommenen Eltern getrennt wurden, mit denen sie illegal ins Land gekommen waren. Die Polizei- und Zollbehörde ICE (Immigration and Customs Enforcement) hatte sie und Hunderte andere ins fast 3.000 Kilometer entfernte New York gebracht, in eine Straße am Stadtrand, wo sie fast niemandem auffielen.

"Wir sprechen nicht mit der Presse." Die weibliche Stimme in der Gegensprechanlage klingt genervt. Am Mittwoch hatte sich Bürgermeister Bill de Blasio selbst ins Cayuga Center eingeladen – er und Gouverneur Andrew Cuomo hatten nach eigenen Aussagen nichts davon gewusst, welche Rolle ihre Stadt bei den Familientrennungen spielt. Seither gab es Demonstrationen vor dem Gebäude und eine Drohung gegen die Einrichtung. Journalisten bekommen keinen Zutritt, eine Interviewanfrage von ZEIT ONLINE per E-Mail blieb unbeantwortet.

"Die Kinder haben große Angst"

Zwar hat US-Präsident Donald Trump am Mittwoch auf Druck des In- und Auslands ein Dekret erlassen, nach dem die ICE die Familientrennungen an der Grenze unterlassen muss. Am Donnerstag sagte er außerdem zu, die 2.300 bereits getrennten Kinder zu ihren Eltern zurückzubringen. Doch Anwaltsverbände bezweifeln, dass die beiden Anordnungen schnell umgesetzt werden.

Megan McKenna kann sich vorstellen, was sich hinter den Fenstern in der Walton Street abspielt. Sie ist Kommunikationschefin der Kinderrechtsorganisation KIND (Kids in Need of Defense), deren Anwälte etliche der getrennten Kinder vertreten. "Die Kinder haben große Angst um ihre Eltern und fragen immer wieder, wann sie sie wiedersehen werden", sagt McKenna ZEIT ONLINE am Telefon. "Wir können es ihnen leider nicht sagen, weil wir es auch nicht wissen. Viele hatten nur wenig Zeit, um sich zu verabschieden oder wurden getäuscht: Ihnen wurde gesagt, dass die Eltern nur mal schnell Fingerabdrücke machen. Doch dann kamen sie nicht zurück."

Sie erzählt von einem zwölfjährigen Jungen aus Zentralamerika, der in seinem Land körperliche und sexuelle Gewalt erfahren hatte und daraufhin mit seinen Eltern geflohen war. "So schrecklich das für ihn war – darüber konnte er noch sprechen. Erst als wir ihn nach seinen Eltern fragten, brach er zusammen", sagt McKenna. "Diese Kinder sind sehr mutig, sie haben eine Menge durchgemacht. Aber durch die Trennung erleben sie ein weiteres Trauma – das ist oft zu viel für sie."

Eltern sind unauffindbar

In vielen Fällen dürfte es schwer werden, die Eltern wiederzufinden. "Es ist unbegreiflich, aber die Regierung hat ihre Anordnung überhaupt nicht durchdacht", sagt McKenna von KIND. "Vom Moment der Trennung an ist die ICE ist für die Eltern verantwortlich, das Gesundheitsministerium für die Kinder. Diese beiden Behörden arbeiten aber völlig getrennt voneinander und haben kein System, um Kinder und Eltern einander zuzuordnen."

Zwar habe die ICE den Eltern eine Telefonnummer gegeben, mit deren Hilfe sie nach ihren Kindern suchen können. "Aber in der Haft haben sie kaum die Gelegenheit zu telefonieren und wenn doch, stecken sie so lange in der Warteschleife, bis sie zurück in ihre Zelle müssen. Und wenn sie bereits abgeschoben wurden, funktioniert die Nummer nicht mehr." Nicht alle Kinder können zur Suche beitragen: Der Jüngste der im Cayuga Center Untergebrachten ist gerade einmal neun Monate alt und wird seine Eltern wohl kaum beschreiben können.