Die Bundesregierung bewertet die Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen Medienberichten zufolge kritischer als bisher. Das Auswärtige Amt nehme die Bewertung seiner türkischen Quellen "zunehmend ernst", dass es sich bei der Bewegung um eine Organisation handele, die den Staat unterwandern wolle, berichten der Spiegel und Report Mainz. Sie berufen sich dabei auf einen internen Bericht der Deutschen Botschaft in Ankara, den beide nach eigenen Angaben einsehen konnten.

Der Bericht stamme von Februar 2018 und berufe sich auf Informanten in der Türkei. Über die Gülen-Bewegung werde darin unter anderem geschrieben: "Der konspirative Teil der Bewegung zeichnet sich durch strikte Hierarchien aus und erinnert in seiner Struktur an Erscheinungsformen organisierter Kriminalität." Weiter heiße es, sämtliche Quellen der deutschen Botschaft seien sich einig, dass "Gülen-Kader über Jahrzehnte hinweg gezielt staatliche Institutionen in der Türkei, insbesondere Polizei und Justiz, unterwandert" hätten. Der Anspruch der Bewegung auf die Loyalität ihrer Mitglieder sei absolut, zitieren die Beamten den Medien zufolge ihre Informanten.

Darüber hinaus spreche ein Führungsmitglied aus Deutschland, das kürzlich die Gülen-Bewegung verlassen habe, im Spiegel und bei Report Mainz von einer antidemokratischen Bewegung, die der Betreffende wegen ihrer "geheimen Parallelstruktur" für eine Sekte halte. Religiöse Führer, die aus der Türkei entsandt würden, träfen die maßgeblichen Entscheidungen der Bewegung in Deutschland.

Sie entschieden dabei häufig gegen die Interessen der gewählten Vereinsfunktionäre, heißt es. Ziel der Gülen-Bewegung sei es, in Deutschland lebenden türkischen Muslimen "möglichst von klein auf eine religiöse Erziehung aufzuzwingen".

Gülen gilt in der Türkei als Staatsfeind

Der Leiter der Gülen-nahen Berliner Stiftung Dialog und Bildung, Ercan Karakoyun, bestreitet den Medienberichten zufolge, dass es eine Parallelstruktur gebe. Entscheidungen träfen die Vorsitzenden in den Vereinen und Stiftungen. Die Gülen-Bewegung stehe für Demokratie, Menschenrechte und für eine zeitgemäße Interpretation des Islam.

Die Bewegung des im US-amerianischen Exil lebenden Predigers Gülen gilt in der Türkei als Staatsfeind. Präsident Recep Tayyip Erdoğan macht sie für den gescheiterten Putsch 2016 verantwortlich. In Deutschland zählt die Bewegung, die sich Hizmet (türkisch: Dienst) nennt, bis zu 100.000 Mitglieder.