Auf den Straßen von Quebec City brennt eine deutsche Fahne, als Globalisierungsgegner am Freitag zu Leuchtfeuerraketen ihre Wut auf den G7-Gipfel herausschreien, der einen kurzen Hubschrauberflug entfernt auf den Hügeln der Luxusresorts von La Malbaie tagt. "Nieder mit der WTO" und "Radikale Fantasie" lauten einige der Parolen, mit denen die Aktivisten ihren "Day of Disruption" einleiten.

Vermutlich ist ihnen nicht ganz klar, wie nah sie mit ihrer Gemütslage beim US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump liegen. 

Auch er ist nach Kanada gekommen, um einen "Tag der Störung" zu zelebrieren, auch er hasst internationale Organisationen wie die WHO oder den IWF und die "Globalisten", auch er hat eine radikale Fantasie. Ein Jahr lang hatten Gastgeber Justin Trudeau und der französische Präsident Emmanuel Macron es bei Trump mit schmoozing versucht – mit ihm Golf gespielt, mit den Ehefrauen im Eiffelturm diniert – und ertragen, dass er ihnen die Schuppen vom Revers klopft. 

Es hat alles nichts genutzt: Trump versetzte seinen neuen Freunden eine Ohrfeige, indem er Importzölle auf Stahl und Aluminium sowie Autos verhängte – mit der erstaunlichen Begründung, sie verletzten die nationale Sicherheit der USA. Als ein erzürnter Trudeau ein paar Tage vor dem Gipfel am Telefon entgeistert darauf hinwies, wie das sein könne, schließlich seien kanadische Soldaten an der Seite ihrer amerikanischen Kameraden in Afghanistan und anderswo gestorben, krähte Trump zurück: "Habt ihr Burschen nicht das Weiße Haus niedergebrannt?" Nun, das waren die Briten. Vor etwa 200 Jahren. 

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die bromance zwischen Macron und Trump von jeher mit großer Skepsis beobachtet. Ihre Linie hat nicht so viele Ausschläge wie die der jüngeren Herren, die kurz davor waren, Trump den Stuhl vor die Tür zu stellen. Sie nennt die Zölle "illegal", ist aber bereit, über den Handelsbilanzüberschuss der Deutschen zu reden. Statt aber hinzunehmen, was Trump im Grunde will, dass nämlich sämtliche Wertschöpfungsketten in die USA verlegt werden, will Merkel amerikanischen Mittelständlern helfen, in Europa Fuß zu fassen – unter der Voraussetzung, dass deutsche Unternehmen in den USA nicht mehr so viele Hindernisse zu überwinden haben. Auch Trumps Kritik, die Deutschen gäben zu wenig für Verteidigung aus, findet Merkel durchaus plausibel.

Aber natürlich kann auch die Kanzlerin nicht bestreiten, dass die G7 – das alte weiße Urformat des Westens, das einmal als "Library Group" in der Bibliothek des Weißen Hauses bei einem guten Whiskey begonnen hatte – in einer Krise stecken. Nach Tag eins des Gipfels in Kanada ist unklar, ob man es überhaupt noch zu einer gemeinsamen Erklärung bringt. Und wozu überhaupt noch G7? Muss man nicht längst mit China und auch wieder mit Russland reden, das wegen der Annexion der Krim nicht mehr dabei ist? Mit Brasilien und Indien?

Menschenrechte achten – die Basics halt

Nein, G7, das ist für die Deutschen das Format, in dem man unter seinesgleichen redet. Unter Demokratien. Die Menschenrechte achten. Die Basics halt. 

Zu den neuen Basics, gerade unter einem Präsidenten Justin Trudeau, gehört in diesem Jahr ein Frühstück, bei dem es um Gender Mainstreaming und um Empowerment von Frauen geht. In ein paar Stunden beginnt es. Trump wird dabei sein. Er zieht sich das noch rein, dann verlässt er den Gipfel vorzeitig. Über Plastik in den Meeren will er dann nicht mehr reden, und die anderen haben beschlossen, dass sie lieber mit dem Kommuniqué vom vergangenen Jahr weiterarbeiten – in dem vom Klimaschutz überhaupt noch die Rede ist – als mit etwas Verwässertem. Dann halt ohne Trump.

Wie hatte Barack Obama nach seinem Abschied mit Blick auf Merkel gesagt? "Now she is all alone." In der Tat wird das Feld enger. Auch die Transatlantikerin Merkel will keine Meinungsunterschiede mehr "zukleistern". Aber mit George W. Bush gab es auch schon Gipfel, bei denen der Zusammenhalt des Westens wegen des Irak-Kriegs äußerst porös erschien. Ronald Reagans Mittelstreckenraketen auf europäischem Boden lösten ebenfalls ein politisches Erdbeben aus. 

Ein Testfall für den Zusammenhalt der G6 minus Trump war die Russland-Frage. Der neue italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte hatte sich vorab Trumps Forderung angeschlossen, sie wieder an den Tisch zu holen. Nach einem Treffen mit den anderen war davon nicht mehr die Rede. 

Und doch, trotz aller Streitereien, bleiben den G7 reichlich gemeinsame Interessen: Terrorbekämpfung, die Einhegung Nordkoreas, die iranischen Militäraktivitäten im Nahen Osten und die Expansion Chinas. Die Bekämpfung von illegaler Migration. Trump scheint das ganz ähnlich zu sehen – radikale Fantasien hin oder her. Warum hätte er sonst überhaupt kommen sollen?