Christopher R. Hill war zwischen 2004 und 2005 Botschafter der USA in Südkorea und von 2005 bis 2009 im US-Außenministerium verantwortlich für Ostasien. Unter Präsident George W. Bush war er Chefunterhändler in den sogenannten Sechs-Parteien-Gesprächen über das Atomprogramm Nordkoreas, zusammen mit Südkorea, China, Japan und Russland. Er meint, dass Nordkorea sich bereit erklären könnte, sein Atomprogramm aufzugeben – ohne dabei einen wirklichen Zeitplan zu nennen.

ZEIT ONLINE: Botschafter Hill, warum genau würde Nordkorea sein Atomwaffenprogramm aufgeben, wenn es das einzige Pfand ist, das das Land besitzt?

Christopher R. Hill: Zuallererst muss ich Ihnen sagen, dass aus meiner Sicht Atomwaffen für Nordkorea nie eine rein existenzielle Angelegenheit waren. Dahinter steckt vielmehr eine offensive Angriffsstrategie, um die USA von Südkorea abzukoppeln. Warum sie diese Waffen also aufgeben sollten? Noch ist nicht klar, ob die USA genug Druck ausüben können, um den Nordkoreanern klarzumachen, dass sie ohne Waffen besser dran sind als mit.

Natürlich ist das alles viel komplizierter, wenn die beiden an einem Tisch sitzen: Ist Nordkorea wirklich bereit, sich darauf einzulassen, das Atomprogramm ein für alle Mal zu beenden, und falls ja, wollen sie dafür irgendwelche unrealistischen Gegenleistungen?

ZEIT ONLINE: Wollen Sie damit sagen, dass Nordkorea das Atomprogramm nicht forciert hat, um die USA von einem Angriff abzuhalten?

Hill: Nordkorea will damit Umstände schaffen, die die USA dazu zwingen, ihre Präsenz in Ostasien zu überdenken, falls die Aussicht auf einen tatsächlichen Konflikt wächst.

ZEIT ONLINE: Wenn das so ist, woher kommt dann das Umdenken aufseiten Kim Jong Uns? Vor ein paar Monaten noch verspottete Donald Trump Kim Jong Un als "little rocket man", jetzt wollen die zwei sich in Singapur treffen. Waren die westlichen Sanktionen für das Land auf Dauer nicht tragbar?

Hill: Dafür ist wahrscheinlich eine Reihe von Faktoren verantwortlich, Sanktionen will ich da gar nicht ausschließen. Was wir jedoch nicht vergessen dürfen an diesem Punkt: Alles, was wir vorzuweisen haben, ist die Tatsache, dass Nordkorea anscheinend bereit ist, mit den USA zu reden. Was – nur ganz nebenbei – eine große Ehre für das Regime ist.

ZEIT ONLINE: Politisch wertet das Gipfeltreffen Kims Position ungemein auf.

Hill: Einen US-Präsidenten zu treffen ist weder Kims Vater, Kim Jong Il, noch seinem Großvater, Kim Il Sung, gelungen. Dieses Treffen lässt ihn als außergewöhnlichen Staatsmann dastehen. Außerdem gibt es Nordkorea den Anstrich eines vernünftigen, gemäßigten Landes, das bereit ist, sich an den Verhandlungstisch zu setzen. So wie es bislang läuft, ist das alles komplett in Nordkoreas Interesse. Nur müssen wir uns weiterhin vor Augen halten, wie realistisch das alles ist: Was bieten sie am 12. Juni den USA wirklich an, zu welchen Zugeständnissen sind sie bereit?

ZEIT ONLINE: Fürchten Sie, dass das Treffen am Ende nur ein aufwendiger Fototermin wird?

Hill: Das wird ein riesiger PR-Zirkus, keine Sorge. Die Gelegenheit für schöne Fotos lassen die sich nicht entgehen. Trump wird das Treffen wahrscheinlich als wichtigen Durchbruch in dem Konflikt verkaufen. Womöglich wird Nordkorea sich auch dazu bereit erklären, das Atomprogramm aufzugeben – ohne einen wirklichen Zeitplan zu nennen.

ZEIT ONLINE: Sie waren 2004 Botschafter in Südkorea, von 2005 an leiteten Sie die US-Delegation in den sogenannten Sechs-Parteien-Gesprächen, in denen mit Nordkorea über das Atomprogramm verhandelt wurde. Mit wem hat die Trump-Regierung es da zu tun, kann man den Nordkoreanern in Verhandlungen vertrauen?

Hill: Vertrauen würde ich als Wort nicht unbedingt gebrauchen. Wir haben damals versucht, das Schritt für Schritt anzugehen, in sehr kurzen Zeiträumen: Sie geben uns etwas, wir geben ihnen etwas. Das waren vertrauensbildende Maßnahmen. Noch einmal: Das Problem für Trump wird sein, von Nordkorea das Zugeständnis über die Beendigung des Atomprogramms zu bekommen samt festem Zeitplan.

ZEIT ONLINE: Sie selbst plädierten Anfang 2008 für einen Zeitaufschub, nachdem Nordkorea die Frist zum Jahresende hatte verstreichen lassen, eine Inventarliste des Atomwaffenprogramms an die anderen fünf Gesprächspartner zu übergeben. Wie viel Geduld kann man im Umgang mit Nordkorea aufbringen?

Hill: Ich würde sagen, man muss sehr viel Geduld aufbringen, vor allem wenn man sich die Alternative vor Augen führt. Für uns war die Alternative damals keine gute. Ich wollte lieber eine vollständige Liste, die zu spät kommt, als eine unvollständige, die rechtzeitig da ist.