Seit Jahren gibt es ihn: den Krieg zwischen dem Iran und Israel. Viele Jahre vor allem verdeckt, mittels israelischer Geheimdienstoperationen oder Terroranschläge, die vom Iran finanziert wurden. Gelegentlich in Kriegen, die Israel mit der Schiiten-Miliz Hisbollah führte, dem Stellvertreter des Irans im Libanon. In den vergangenen Wochen und Monaten tritt der Konflikt zwischen dem Iran und Israel jedoch immer offener zutage. Erste direkte kriegerische Auseinandersetzungen gab es, als der Iran im Februar eine Drohne in israelisches Lufthoheitsgebiet gesteuert hatte. Israel griff daraufhin iranische Stellungen in Syrien an, es gab Reaktionen, die zu weiteren, besonders heftigen Luftangriffen Israels führten und einen großen Teil der Infrastruktur der Iraner in Syrien zerstörten.

Die Konfrontation zwischen Israel und dem Iran birgt zunehmend die Gefahr einer Eskalation im Nahen Osten. Die Lage ist deshalb so heikel, weil es vielfältige Szenarien und Kampfgebiete gibt. Hier die wichtigsten:

Syrien

In der Nacht zum vergangenen Montag wurden an der irakisch-syrischen Grenze Stellungen einer irakischen Schiitenmiliz bombardiert, die mit Syriens Präsident Baschar al-Assad kooperiert. 52 Menschen sollen dabei getötet worden sein. Der Vermutung, die USA könnten dafür verantwortlich sein, trat die Regierung in Washington schnell entgegen: Man habe nichts damit zu tun, die Israelis hätten den Angriff ausgeführt. In Jerusalem gaben weder die Armee noch die Regierung dazu Kommentare ab. Doch es ist durchaus denkbar und wahrscheinlich, dass Israels Premier Benjamin Netanjahu den Angriffsbefehl gegeben hat. Er hat stets betont, Israel werde es auf keinen Fall zulassen, dass der Iran in Syrien Fuß fasst, nicht nur nahe der israelischen Grenze, sondern in ganz Syrien.

Der Angriff galt aber diesmal weder der in Syrien an der Seite Assads kämpfenden Hisbollah, noch iranischen Milizen, sondern den Kataib Hisbollah, den "Brigaden der Partei Gottes". Auch sie sind eine schiitische Miliz, sie stammen aus dem Irak und werden vom Iran unterstützt. Es sind vor allem die al-Quds-Brigaden der iranischen Revolutionsgarden unter ihrem Führer Qassem Soleimani, die Milizen wie die Kataib Hisbollah ausbilden. Deren Chef, Abu Mahdi al-Muhandis, hat beste Kontakte zu Soleimani. Die Miliz verfügt geschätzt über knapp 100.000 Kämpfer und ist genau das, was der Iran in Syrien braucht: eine Miliz, die ähnlich wie die Hisbollah im Libanon in erster Linie gegen Israel agieren soll. Schon seit Längerem ist das Regime in Teheran bemüht, eine solche Kampftruppe in Syrien aufzubauen. Im Augenblick verfügt sie über circa 15.000 bis 20.000 Kämpfer, in erster Linie aus Afghanistan, Pakistan und dem Irak. Da wären die Kataib eine für den Iran wertvolle Verstärkung. Der Angriff auf deren Stellung wäre, wenn er denn von Israel ausging, ein sehr klares Signal an die Führung in Bagdad und Teheran: Israel kann jedes Ziel in Syrien und darüber hinaus erreichen. Und: Israel wird die Entstehung des "schiitischen Halbmondes", also des direkten Zugriffs des Irans über den Irak, hinüber nach Syrien und Libanon, nicht dulden. Keine Truppen, keine Milizen, keine Waffen.

Doch der Iran wird trotz der militärischen Rückschläge der vergangenen Wochen und Monate nicht aufhören, seine Position in Syrien verfestigen zu wollen. Dabei sind auch die Raketen, über die die iranischen Revolutionsgarden verfügen, für Israel ein Problem. Im Atomabkommen wurden sie ausgeklammert, in Europa hat man sich bislang nur wenig Gedanken dazu gemacht. Erst als US-Präsident Donald Trump drohte, das Abkommen aufzukündigen, reisten europäische Regierungschefs eilig nach Washington und boten Verhandlungen mit dem Iran in dieser Frage an, um Trump so zu bewegen, den Deal aufrecht zu erhalten. Vergeblich.

Libanon

Für Israel wäre ein iranisch dominiertes Syrien vor allem deswegen ein Problem, weil es die Nordfront des Landes ausweiten und somit strategisch den nächsten Krieg für die israelische Armee komplexer und gefährlicher machen würde. Denn im Libanon sitzt die Hisbollah. Die schiitische Miliz unter ihrem Führer Hassan Nasrallah erhält ihre Befehle direkt aus Teheran. Ihr Raketenarsenal ist inzwischen auf rund 120.000 Stück angewachsen und kann jeden Ort in Israel erreichen. Hinzu kommen bestens ausgebildete Kämpfer, die in Syrien Kriegspraxis erworben haben, sowie ein Tunnelsystem im Libanon, in dem Waffen gelagert werden oder wohin sich die Hisbollah-Kämpfer bei Luftangriffen Israels zurückziehen können. Den bisher letzten großen Krieg haben die Hisbollah und Israel 2006 miteinander geführt, den sogenannten Zweiten Libanonkrieg. Seitdem blieb es an der Grenze überwiegend ruhig, Israel konnte den Krieg zwar nicht gewinnen, der Hisbollah aber beträchtlichen Schaden zufügen. Doch das allein ist nicht der Grund dafür, dass es bislang noch keinen weiteren direkten militärischen Konflikt zwischen den beiden Feinden gegeben hat. Die Hisbollah, an der Seite Assads in Syrien involviert, kann sich einen Zwei-Fronten-Krieg nicht leisten. Doch sowie der Krieg im Nachbarland zu Ende geht, könnte sich das schnell ändern.

Äußerste Aggression und Feuerkraft

Bereits jetzt ist klar, dass eine neue Eskalation zwischen Israel und der Hisbollah besonders brutal werden dürfte. Die Hisbollah weiß, dass Israels Luftwaffe versuchen muss, so schnell wie möglich so viele Raketenstellungen wie möglich zu zerstören, selbst in zivilen Gebieten, wo sich die Mehrzahl der Raketen befinden soll. Das bedeutet, dass eine hohe Zahl ziviler Opfer auf libanesischer Seite zu erwarten sein wird. Entsprechend würde die Hisbollah versuchen, so viele Raketen so schnell es geht auf Israel abzufeuern, um einen größtmöglichen Effekt zu erzielen. Das dürfte auch in Israel zu zivilen Opfern führen, wenngleich wohl in überschaubarer Zahl, da es überall Schutzräume gibt.

Doch dass selbst Tel Aviv mit Zerstörungen rechnen muss, dass Infrastruktur und Logistik schwer beschädigt werden dürften, ist den israelischen Politikern und der Armee klar. Die Schätzungen gehen davon aus, dass trotz eines dreifachen Raketenabwehrsystems (David's Sling, Iron Dome, Arrow) etwa 400 bis 1.000 Raketen täglich in Israel einschlagen könnten. Aus Sicht der Dschihadisten wäre das ein Gesichtsverlust für den vermeintlich unbesiegbaren Feind. Das kann sich Israel nicht leisten und wird daher wohl mit äußerster Aggression und Feuerkraft im Libanon agieren.

Gaza

Eine neue Entwicklung zeichnet sich im Süden Israels ab. Die in Gaza herrschende islamistische Hamas und der Islamische Dschihad erhalten jährlich zusammen etwa 80 Millionen Dollar Militärhilfe aus Teheran. Die Hamas muss den Gazastreifen mit seinen rund zwei Millionen Menschen auch verwalten und entsprechende politische Rücksichten nehmen, weil sie an der Macht bleiben will. Daher kann sie immer nur bis zu einem bestimmten Grad den militärischen Konflikt mit dem jüdischen Staat anheizen. Der Islamische Dschihad dagegen hat keinerlei Verantwortung außer dem bewaffneten Kampf gegen Israel. Der Iran hat also einen direkteren Zugriff auf diesen Stellvertreter in Gaza und kann ihn gegen Israel einsetzen wie und wann er will. Der Islamische Dschihad verfügt über eine große Anzahl an Kassam- und Grad-Raketen, kann Israel jedoch bei Weitem nicht so gefährlich werden wie etwa die Hisbollah. Doch der Iran könnte jederzeit Israel in einen Zwei-Fronten-Krieg zwingen, um Kräfte zu binden und möglicherweise einen Angriff auf das eigene Land durch die israelischen Streitkräfte zu verhindern oder abzuschwächen.

Das Staatsgebiet des Iran

Bleibt die Frage, ob Israel einen solchen Angriff auf iranisches Staatsgebiet plant. Neu ist, dass man in Jerusalem inzwischen offen darüber debattiert, die Mullahs in Teheran einen Preis zahlen zu lassen, falls es zu einem Krieg mit der Hisbollah und/oder dem Islamischen Dschihad und der Hamas käme. Selbst Premier Netanjahu schließt nicht mehr aus, dass ein "Angriff auf israelische Städte" einen "Angriff auf iranische Städte" zur Folge hätte. Dass also die iranischen Machthaber sich darüber im Klaren sein müssen, dass ihr Land auch in Mitleidenschaft gezogen werden könnte, falls Israels Heimatfront attackiert werde. Das gelte schon im Falle eines "normalen" Kriegs mit Irans Stellvertretern.

Was aber wird das Ende des Atomabkommens bringen? In Israel interessiert man sich nicht für die europäischen Bemühungen, den Deal aufrecht zu erhalten. Man zweifelt, dass das gelingen könnte, man hält die Europäer für Naivlinge, die nicht begreifen, welche Ziele der Iran tatsächlich verfolgt. Und selbst wenn, es würde an Israels Entschlossenheit nichts ändern: Der Iran soll keine Atommacht werden, nicht heute, nicht in zehn Jahren, nicht in 30. 

Dem russischen Präsidenten Wladimir Putin konnte Netanjahu ohne Probleme klarmachen, dass die iranische Präsenz in Syrien für sein Land inakzeptabel ist. So bekam er vom Kreml freie Hand für israelische Militäraktionen in Syrien, solange Assad nicht angetastet wird. Auf seiner jüngsten Europareise versuchte Netanjahu auch in Berlin, Paris und London zu erklären, worum es ihm geht. Angeblich habe man Verständnis gezeigt, zumindest verkauft Netanjahu seine Reise als Erfolg.

Alle Seiten bereiten sich auf den Krieg vor

Wann also könnte Israel den Iran tatsächlich direkt angreifen? Die Lage dürfte in dem Augenblick eskalieren, in dem es offensichtlich würde, dass das Regime in Teheran sein Nuklearprogramm wieder hochfährt. Erste Drohungen in diese Richtung hat es ja bereits gegeben.

Die enge Zusammenarbeit zwischen Israelis und den Saudis gegen die Mullahs in Teheran, die nicht einmal mehr verheimlicht wird, lässt vermuten, dass Israels Kampfjets über saudisches Gebiet den kürzesten Weg nach Teheran fliegen dürften. Nicht zu vergessen ist dabei auch Aserbeidschan, mit dem Israel freundschaftliche Kontakte pflegt und dort angeblich über Stellungen verfügt.

Doch so stark die israelische Luftwaffe ist, sie ist bei Weitem nicht so schlagkräftig wie die US-Air-Force. Und sollte sie tatsächlich durch einen Zwei-Fronten-Krieg im Süden und Norden des Landes gebunden sein, dürfte es für Israel noch schwieriger werden, das Atomprogramm des Iran wirksam zu zerstören. An dieser Stelle kommt Donald Trump ins Spiel. Es besteht kein Zweifel, dass Israels Premier froh wäre, wenn die Amerikaner den Angriff auf den Iran führen würden und nicht die Israelis. Wenn es tatsächlich zu einer gewissen Befriedung zwischen den USA und Nordkorea kommen sollte, könnte sich der US-Präsident ganz auf seinen zweiten Lieblingsfeind, den Iran, konzentrieren. Ein Krieg zwischen der Großmacht und dem Schiiten-Staat rückte damit näher. Netanjahu könnte das nur recht sein. Denn er weiß, dass im Falle eines amerikanischen Angriffs Israel mit Sicherheit im Gegenzug vom Libanon und von Gaza aus angegriffen würde. Die israelische Armee könnte sich dann auf die unmittelbare Nachbarschaft konzentrieren, während die USA das ungleich schwerere Problem mit Irans Atomanlagen zu bewältigen hätten.

Wird es zum direkten und offenen Krieg zwischen Israel und dem Iran aber tatsächlich kommen? Niemand im Nahen Osten stellt sich diese Frage. Es geht nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wann und das Wie. Die Vorbereitungen dazu laufen auf allen Seiten.