Im Stadtteil Tarlabaşı wird mehrmals in die Luft geschossen. Motorrad- und Autoreifen quietschen. Jugendliche steigen auf das Dach eines geparkten Lkw und schreien: "HDP! HDP!" Ältere Frauen und Männer schwenken Flaggen oder klatschen in die Hände. Die jubelnde Menschenmenge hat gerade erfahren, dass die prokurdische HDP die Parlamentshürde von zehn Prozent geknackt hat. Sie wird 67 Abgeordnete nach Ankara senden. Es soll der einzige Erfolg der türkischen Opposition in dieser Wahlnacht bleiben.

Es ist Sonntagabend, kurz nach zehn Uhr. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtet zwar, dass Recep Tayyip Erdoğan die türkische Präsidentenwahl mit 52 Prozent gewonnen habe. Sein wichtigster Herausforderer, der säkulare Muharrem İnce von der Oppositionspartei CHP, der einen furiosen Wahlkampf hingelegt hatte, soll demnach nur auf 30 Prozent kommen. Aber das wollen sie bei der Opposition noch nicht glauben, nicht bei der CHP und nicht bei der HDP. Zu groß ist das Misstrauen in die Nachrichtenagentur, die schon in der Vergangenheit immer wieder damit auffiel, Erdoğan bei Wahlen sehr früh hohe Werte zuzurechnen. Zu groß war aber auch die Hoffnung der Opposition, dass sie diesmal wirklich gewinnen könnte. 

"Wie kann das sein?"

Auf den Treppen vor der HDP-Zentrale in Tarlabaşı sitzt eine Frau, deren Stimme schon ganz heiser ist vom Jubeln. Ja, sie freut sich über den Einzug der HDP ins Parlament, aber dass Erdoğan es im ersten Wahlgang geschafft haben soll: Das macht sie fassungslos. "Ich habe seinen Herausforderer Muharrem İnce beobachtet, gesehen wie er Millionen Menschen allein in Istanbul mobilisiert hat", sagt sie. Viele Umfragen hätten Erdoğan nur bei 40 Prozent gezeigt. "Also, wie kann das sein?"

Ein paar Meter weiter, im Treppenhaus der Parteizentrale, steht einer, dessen Job es lange war, Antworten auf solche Fragen zu finden. Ahmet Şık, der bekannteste Investigativjournalist des Landes. Şık hat ein Glas Tee in der einen und eine Zigarette in der anderen Hand, die Menschen die an ihm vorbeilaufen, grüßen ihn als einen der ihren.

Vor einigen Monaten verhängte ein Gericht gegen Şık und andere Journalisten der regierungskritischen Zeitung Cumhuriyet mehrjährige Haftstrafen. Bis zu einem Urteil im Berufungsverfahrens bleibt Şık frei, er darf die Türkei aber nicht verlassen. Vor wenigen Wochen hat Şık aber bei seinem Arbeitgeber gekündigt, um für die HDP zu kandidieren. "Journalismus ist meine Leidenschaft. Aber ich kann in einer zu 90 Prozent gleichgeschalteten Presse die Menschen nicht mehr erreichen. So versuche ich es als Politiker", sagt er.

Hinweise auf Wahlfälschungen

Also, Herr Şık, wie kann es sein, dass Erdoğan gewonnen hat? "Unter normalen Bedingungen, also unter freien Wahlen könnte Erdoğan niemals gewinnen", sagt der 48-Jährige. In sozialen Medien kursieren Videos, die zeigen sollen, dass Wahlstimmen zugunsten des Präsidenten rechtswidrig abgegeben wurden. Überprüft werden können diese Angaben jedoch nicht.

Şık ist eine Wucht von einem Mann. Als er vor seiner Freilassung Anfang des Jahres die Chance erhielt, sich vor Gericht zu verteidigen, griff er die Justiz, den Präsidenten und dessen Partei AKP scharf an. Aus Şık, dem Angeklagten wurde Şık, der Ankläger. "Die Regierung arbeitet wie die Mafia", sagte er damals wie heute. Das wüssten inzwischen so viele Menschen, deshalb sei diese Wahl so besonders. "Sie haben genug von Repressalien – egal wie das heute ausgeht", sagte er. Dann drückt er seine Zigarette aus und verschwindet in einem Zimmer für Mitarbeiter. Auf dem Türkleber steht "Krisenstab".