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Gemeinsam mit nationalen und internationalen Medienpartnern entwickelt ZEIT ONLINE derzeit "My Country Talks" – eine Plattform zur Vermittlung von Eins-zu-eins-Gesprächen zwischen politisch unterschiedlich denkenden Bürgern in aller Welt. In Bologna fand am gestrigen Sonntag mit der Aktion "L’Italia si parla" der erste Test der Plattform außerhalb Deutschlands statt. Unser Autor hat zwei Teilnehmende dabei begleitet. Weitere Probeläufe von My Country Talks finden außerdem gerade in Weimar und Ulm statt.

© ZEIT ONLINE

Wenige Stunden bevor er auf eine Frau treffen wird, die die Welt völlig anders zu sehen scheint als er, sitzt Enrico Verno in einem Park in Bologna und versucht zu erklären, wo er politisch steht. Verno ist 38 Jahre alt, ein gemütlicher, rundlicher Mann aus Turin, sein Bart ist leicht ergraut. Er hat Jura studiert, heute betreut er die interne Kommunikation eines Unternehmens, seine Freundin ist Lehrerin. Ihm ist es gut im Leben ergangen, besser als manchen anderen Italienern, die einen Job suchen, vor allem im Süden des Landes. Dennoch ist er enttäuscht: von der Politik und von der italienischen Linken, die einmal seine politische Heimat war. Das Problem sei, sagt Verno, dass rechts und links in der Politik Italiens heute nichts mehr bedeuteten.

Verno sieht sich bis heute eher als Linker. Doch die Linke im Land, so sagt er, sei eigentlich nicht mehr existent. Der Mann, der daran Schuld trägt, ist in seinen Augen der frühere Premierminister und einstige Chef der Sozialdemokraten, Matteo Renzi. "Renzi hat die Linke praktisch getötet", sagt Verno. Der Premier und seine wirtschaftsfreundlichen Reformen hätten die Partei der Sozialdemokraten – die Partito Democratico – in den vergangenen Jahren immer weiter nach rechts gerückt. So weit, dass er, Verno, bei den jüngsten Wahlen es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren konnte, die Sozialdemokraten zu wählen. Stattdessen gab er den Populisten von der Fünf-Sterne-Bewegung seine Stimme. Die Fünf-Sterne-Bewegung wurde bei den Wahlen am 4. März stärkste Kraft, die Partei führt nun seit Anfang Juni mit der rechtsextremen Lega um Matteo Salvini die Regierung.

Ist er zufrieden mit seiner Wahl? "Nein, wie sollte ich zufrieden sein?", sagt Verno. "Aber was hätte ich sonst tun sollen? Gar nicht wählen?"

Dazu hatte sich im März Anna Albanese entschieden. Sie war damals in den Flitterwochen und blieb der Abstimmung fern. Sie hätte sowieso nicht gewusst, sagt Albanese, wen sie wählen sollte. Albanese stammt aus Süditalien, aus der Provinz Salerno, südlich von Neapel. Sie wurde wie Verno im Jahr 1980 geboren, als ein heftiges Erdbeben Süditalien traf und fast 3.000 Menschen starben. Mit zwei Jahren sind ihre Eltern nach Modena gezogen, eine 180.000-Einwohner-Stadt, eine halbe Stunde von Bologna entfernt. Ihr Vater war Gewerkschafter.

Ein Treffen der Gegensätze

"Das größte Problem in Italien ist bis heute die Arbeit", sagt sie. Es gebe zu viel Prekariat, zu viel Arbeitslosigkeit, zu viele befristete Verträge. "Wie soll ich mir ein Haus kaufen oder Kinder bekommen, wenn ich nicht weiß, ob ich übermorgen noch Arbeit habe." Albenese hat Kunstgeschichte studiert und arbeitet als Rezeptionistin in einem Unternehmen. Sie hätte eigentlich gerne einen anderen Job. Aber dann sieht sie Freunde und ihren Bruder, die mit Mitte 30 noch immer arbeitslos sind und keine Stellen finden – da bekomme sie ein schlechtes Gewissen und denke: Sei doch froh, dass du Arbeit hast.

Verno und Albanese haben biografisch vieles gemeinsam, sie bewerten die Probleme Italiens ähnlich – und doch begegnen sie einander an diesem Sonntag in Bologna als Gegensätze. Denn beide hatten sich bei "L'italia si parla" angemeldet (zu Deutsch: "Italien ist mit sich im Gespräch"), einer Aktion der beiden italienischen Medien La Repubblica und Huffington Post Italia im Rahmen des Projekts My Country Talks. 

Die Idee: Mitten in der Krise des Landes sollen einander völlig unbekannte Menschen mit sehr gegensätzlichen politischen Ansichten zu einer Debatte unter vier Augen zusammenkommen. Die Teilnehmer sollen sich alle auf dem Ideenfestival von La Repubblica in Bologna treffen, am 10. Juni um die Mittagszeit.