Nach der Aufnahme des Rettungsschiffs Lifeline mit 230 Flüchtlingen an Bord durch Malta haben die Vereinten Nationen das Verhalten der EU kritisiert. "In den vergangenen zehn Tagen konnten Schiffe mit Flüchtlingen im Mittelmeer wegen der politischen Lähmung in Europa nicht anlegen", sagte Flüchtlingshochkommissar Filippo Grandi. "Es ist unabdingbar, dass die EU-Mitgliedsländer das Recht auf Asyl aufrechterhalten. Rettung zu verweigern oder die Verantwortung für Asyl auf andere abzuwälzen, ist völlig inakzeptabel." 

Vor dem Fall der Lifeline hatten die EU-Staaten sich tagelang geweigert, das Schiff Aquarius mit mehr als 600 Flüchtlingen an Bord aufzunehmen. Schließlich erklärte sich Spanien dazu bereit.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) und die Internationale Organisation für Migration (IOM) forderten, die EU müsse auf dem anstehenden Gipfel in Brüssel rasch eine gemeinsame Lösung finden, um weitere Tote auf dem Mittelmeer zu verhindern. Außerdem müsse sie dafür sorgen, dass auf See gerettete Menschen an Land gehen könnten, "in der EU oder möglicherweise anderswo", hieß es in der Stellungnahme.

Das könnte darauf hindeuten, dass die UN-Organisationen möglicherweise auch Auffangeinrichtungen außerhalb der EU mittragen würden. Es müssten mehr Aufnahmeplätze für schutzbedürftige Menschen geschaffen werden, forderten die beiden Organisationen. IOM-Generaldirektor William Lacy Swing erinnerte daran, dass in diesem Jahr bereits rund 1.000 Menschen im Mittelmeer ertrunken seien. 

Juristische Konsequenzen für die deutschen Retter

Dem deutschen Kapitän der Lifeline drohen unterdessen möglicherweise juristische Folgen. Während die 16 deutschen Crewmitglieder das Schiff nach ihrer sechs Tage langen Odyssee verlassen durften, wurde er von der Polizei befragt und anschließend wieder an Bord gebracht, wie die maltesische Regierung mitteilte. 234 Migranten seien im Hafen in Senglea vor Valletta an Land gebracht worden. Sechs Menschen, darunter drei Babys, kamen in ein Krankenhaus auf der Mittelmeerinsel.

Dem Kapitän wird vorgeworfen, die Anweisungen der italienischen Behörden bei der Rettung der Migranten vor Libyen ignoriert zu haben. Die italienische Regierung hatte die Dresdner Hilfsorganisation Mission Lifeline nach eigenen Angaben angewiesen, der libyschen Küstenwache die Bergung zu überlassen. Nach Darstellung der Helfer kam die Küstenwache den Menschen in Seenot aber nicht schnell genug zu Hilfe. Maltas Premierminister Joseph Muscat hatte angekündigt, das Schiff zu beschlagnahmen.

Mission-Lifeline-Sprecher Axel Steier erzählte bei der Ankunft der Migranten in Valletta, viele seien in Libyen gefoltert worden. Ein zweijähriges Kind sei alleine auf dem Schiff gewesen, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. "Es ist eine Schande, dass Deutschland nicht angeboten hat, eine paar Migranten zu übernehmen. Deutschland ist immer noch eines der reichsten Länder. Schade, dass deutsche Politiker rechten Strömungen in die Hände spielen." Als das Schiff anlegte, entfalteten rechte Aktivisten ein Banner mit der Forderung, Menschenschmuggel zu stoppen.