Alle Politik beruht auf der Unterscheidung zwischen Freund und Feind, zumindest in der Auffassung des italienischen Innenministers Matteo Salvini, Chef der stramm rechten Lega. Wen er mag, wen er verabscheut, das lässt Salvini gerne unverblümt wissen. Nur wenige Tage vor dem EU-Gipfel hatte Salvini Forderungen aus Deutschland zurückgewiesen, bereits in Italien registrierte Asylbewerber zurückzunehmen. "Wir können keinen Einzigen mehr aufnehmen. Im Gegenteil: Wir wollen ein paar abgeben", sagte Salvini dem Spiegel. Und er warnte: "Innerhalb eines Jahres wird sich entscheiden, ob es das vereinte Europa noch gibt oder nicht."

Auch in sozialen Medien teilt er sich ohne diplomatische Rücksicht mit. "Und Streich Nummer zwei!", freute er sich am Montag. Das Rettungsschiff Aquarius mit 629 Migranten an Bord habe vor zehn Tagen statt in Italien im spanischen Valencia anlaufen müssen, jetzt sei das Rettungsschiff Lifeline dran, das gezwungenermaßen Kurs auf Malta nehme. Aber Salvini will kein Unmensch sein. "Für Frauen und Kinder, die vor dem Krieg fliehen, stehen die Tore immer offen", sagt er – und schiebt nach: "Für alle anderen nicht!" Zwei Posts weiter hetzt er gegen Roma. "Toxische Brände, Diebstahl, Hehlerei", meldete der Innenminister aus einem Roma-Lager in Turin. Eine Antwort auf die Zustände liefert er umgehend dazu: "NULL TOLERANZ!"

Angriffe nach unten und oben

Null Toleranz gilt bei Salvini jedoch nicht nur für Menschen am unteren Ende der sozialen Leiter. Mit dem Hashtag #MacronAccogliliTuttiTu, auf Deutsch "Macron, nimm du sie alle auf", macht er sich über den französischen Präsidenten lustig. Emmanuel Macron hatte der italienischen Regierung nach Abweisung der Aquarius Zynismus und Verantwortungslosigkeit vorgeworfen und auf das internationale Seerecht verwiesen. Demnach ist die am nächsten gelegene Küstenregion verpflichtet, in Seenot geratene Menschen aufzunehmen. Für Salvini war Macron lediglich auf dem Tiefpunkt seiner Popularität. Nur deshalb "verbringt er seine Zeit damit, die italienische Regierung und die italienischen Bürger zu attackieren", schrieb Salvini.

Gute Laune bereitete dem Lega-Chef dagegen eine Begegnung mit John R. Bolton, Sicherheitsberater des US-Präsidenten Trump. Bolton gilt als Radikaler, Salvini sprach nach dem Treffen von "voller Übereinstimmung beim Kampf gegen die klandestine Einwanderung und gegen den Terrorismus". So läuft es seit Wochen. Jeden Tag fällt Salvini mit neuen Erklärungen auf, die eher wie Kriegserklärungen klingen: gegen Flüchtlinge, gegen Roma, gegen das vermeintlich zynische Frankreich, das an der Grenze bei Ventimiglia "Frauen und Kinder abweist".

Salvini hat nie anderes getan, als Ressentiments zu bedienen

Für viele in Italien kommt Salvinis Rhetorik überraschend. Direkt nach den Parlamentswahlen am 4. März, bei der die Lega vorher nie erreichte 17,4 Prozent erhielt, erlebte das Land einen ganz anderen Salvini. Bei seinem ersten Auftritt vor der Auslandspresse gab sich der Lega-Chef freundlich, verbindlich, fast lammfromm. Ehrlich arbeitende Ausländer? Die seien natürlich in Italien willkommen. Europa? Keiner wolle raus aus der EU. Das Wahlkampfmotto "Italiener zuerst"? Da werde doch nur die Selbstverständlichkeit ausgesprochen, dass ein Staat sich seiner Bürger annehme. In jenen Tagen rückte eine Anstreicherkolonne aus, um still und leise die in meterhohen Lettern vor dem Lega-Parteisitz in Mailand angebrachte Parole "Basta Euro!" zu übertünchen.

Es gebe halt zwei Salvinis, hörte man damals von politischen Beobachtern in Rom: den Demagogen, der mit rüden Sprüchen Wahlkampf mache, dann aber auch den Realisten, der pragmatisch regieren werde. War die Lega seit ihrer Gründung im Jahr 1989 nicht schon immer so gewesen: rabiat und lärmend in ihren politischen Kampagnen, in ihrer Regierungsarbeit in den Regionen Lombardei und Veneto und den vielen Kommunen des Nordens, dann aber doch eine ganz gewöhnliche Regionalpartei mit Rechtsschlag, eine Art italienische CSU?

Doch Salvini ging den umgekehrten Weg, als er ein Regierungsbündnis mit Luigi Di Maios Fünf-Sterne-Bewegung einging. Es ist das durchaus rationale Kalkül eines politischen Managers – eines politischen Managers der Ressentiments. Er, der 1990 mit gerade einmal 17 Jahren der Lega Nord beitrat und drei Jahre später für sie in den Stadtrat von Mailand einzog, hat in seiner politischen Karriere eigentlich nie anderes getan, als Ressentiments zu bedienen.