Nach 21 Monaten in Untersuchungshaft ist der prominente regierungskritische türkische Journalist Mehmet Altan vorerst wieder frei. Das hatte ein Istanbuler Berufungsgericht angeordnet. Altan war im Februar wegen versuchten Umsturzes zu lebenslanger Haft verurteilt worden, der Schuldspruch bleibt von der aktuellen Entscheidung unberührt.

Altan hätte eigentlich schon im Januar aus der Untersuchungshaft entlassen werden sollen. Damals urteilte das Verfassungsgericht, die Untersuchungshaft Altans und des ebenfalls klagenden Journalisten Şahin Alpay verstoße gegen das Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit. Nach Kritik der islamisch-konservativen Regierung an dem Urteil des Verfassungsgerichts verweigerten untergeordnete Gerichte jedoch die Freilassung. Alpay war dann im März aus der Untersuchungshaft entlassen worden.

Altan war zusammen mit seinem Bruder Ahmet Altan und der Journalistin Nazlı Ilıcak wegen Mitgliedschaft in der verbotenen Gülen-Bewegung verurteilt worden. In dem Berufungsprozess ordnete das Gericht in Istanbul nun seine Freilassung an, wobei es sich auf das "bindende" Urteil des Verfassungsgerichts berief, wie die amtliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete.

Die endgültige Entscheidung zu Mehmet Altan und seinem Bruder Ahmet sowie zu Ilıcak vertagte das Berufungsgericht auf den 21. September. Auch nach seiner Freilassung muss sich Mehmet Altan regelmäßig bei den Behörden melden und darf das Land nicht verlassen. Die Gerichtsentscheidung fiel drei Tage nach der Wiederwahl von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, der wegen seines Vorgehens gegen Kritiker seit Langem in der Kritik steht.

Der Türkei-Experte der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, Andrew Gardner, begrüßte die Entscheidung des Gerichts. "Überfällige, aber willkommene Freilassung von Mehmet Altan", schrieb Gardner auf Twitter. Er hoffe, dass die Entlassung weiterer "zu Unrecht Inhaftierter" in der Türkei folgen werde.