Amerikaner und Europäer glauben, afrikanische Migranten würden sich um den Wohlstand reißen und machten sich deshalb auf den Weg zu ihnen. In Wahrheit kommen die wenigsten so weit. Die meisten – 25 Millionen Menschen laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) – sind innerhalb des afrikanischen Kontinents unterwegs, ziehen von Land zu Land auf der Suche nach Zuflucht, Sicherheit, wirtschaftlicher Stabilität oder einfach besseren Chancen. Sie verlassen ihr Zuhause nicht gern, und sie planen zurückzukehren, wenn es die Umstände erlauben.

Lange Zeit wurden ihre Routen toleriert und die Menschen konnten sich mit einem gewissen Grad an Sicherheit auf ihren jeweiligen Weg machen. Aber mit neuen Deals, die zwischen Niger und Europa, Algerien und Niger oder Libyen und Europa ausgehandelt werden, wird die Migration weiter in den Untergrund gezwungen – was sie noch gefährlicher macht als je zuvor: Weniger Tote auf dem Mittelmeer bedeuten absehbar mehr Tote in der Wüste.

Amerikanische und europäische Politiker nutzen die Angst ihrer Bevölkerungen vor denen, die Zuflucht suchen – das bringt kurzfristig Prozente in Umfragen. Währenddessen schließen sie Abkommen mit afrikanischen Ländern, um die vom Kontinent ausgehende Flüchtlingsbewegung einzudämmen. Aber diese Abkommen haben nichts damit zu tun, wie die Umstände entstehen, die Menschen dazu zwingen, ihre Heimat zu verlassen. Die Deals nutzen Europa, aber sie machen das Leben der Verzweifelten noch gefährlicher, besonders das von Kindern.

Im vergangen Jahr schloss die Europäische Union mit Libyen eine Vereinbarung, um die Küstenwache dort auszubilden. Sie soll verhindern, dass Migrantenboote libysche Gewässer verlassen, also die Reise über das Mittelmeer antreten. Dadurch sank die Zahl derer, die laut IOM in Italien ankommen, von fast 50.000 in den ersten fünf Monaten 2017 auf rund 10.000 im selben Zeitraum dieses Jahres.

Mit Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, bin ich kürzlich durch Niger gereist – für Migranten aus Afrika südlich der Sahara eines der wichtigsten Länder auf ihrem Weg nach Libyen und Algerien. Durch Niger geht auch die zentrale Wüstenroute jener, die weiter nach Europa wollen. Seit dem EU-Libyen-Deal und einem weiteren zwischen der EU und Niger hat sich die Lage dort verändert. Jetzt ist es zugleich die zentrale Route geworden für jene, die zurück nach Hause gezwungen werden. Wenn sie es überhaupt weit genug schaffen.

"Jetzt stirbt man", sagte mir ein Schmuggler in einer geheimen Unterkunft, voll mit Migranten, die versuchen wollten, nach Europa zu gelangen. "Wegen des neuen Gesetzes gibt es viele Tote in der Wüste, weil es Tausende Routen gibt. Wenn dein GPS auch nur für einen Moment gestört ist, bist du verloren. Du kannst den Weg nicht mehr wiederfinden. Vorher starben die Menschen nicht, jetzt sterben sie wegen des Gesetzes." Denn wer gefasst wird, muss zurück.

In einer der geheimen Unterkünfte im nigrischen Agadez: Hier warten Migranten auf ihre Weiterreise, unter ihnen auch unbegleitete Jugendliche. "Europa oder nichts, Gott ist da" steht auf der linken Wand. Rechts: "Wer nichts riskiert, kommt nirgendwo hin." © Ashley Gilbertson/VII für UNICEF

Viele der Männer und Jungen versteckten sich seit über einem Jahr in dem Haus. Und überall in dem Teil von Agadez in der nigrischen Wüste, der als das Ghetto bekannt ist, verstecken sich Tausende weitere, zusammen mit Hunderten Kindern, die darauf warten, sich allein weiter auf den Weg zu machen. "Es ist die Politik der Europäischen Union, die nur ihr eigenes Interesse verfolgt. Weil sie eine Vereinbarung geschlossen haben, um die Migration zu stoppen, sterben jetzt Menschen", sagte der Schmuggler.

In der Sahara, am Rande von Agadez, einer antiken Handelsstadt der Tuareg, liegt ein Transitzentrum für Migranten, die zurückkehren. Weiter draußen in der Wüste operieren Al-Kaida, der sogenannte "Islamische Staat" und Boko Haram weitgehend straffrei. Nicht weit von dort töteten IS-Dschihadisten im vergangenen Jahr vier Soldaten der US-Spezialkräfte in einem Hinterhalt. "Du kannst sie nicht sehen", sagt ein französischer Sicherheitsberater über die Kämpfer. "Aber sie sehen immer zu."

Viele, die in dem Haus ausharrten, kamen aus Kantché, einer der ärmsten Regionen in Niger, das zu den ärmsten Nationen der Welt gehört. Die meisten im Transitzentrum waren nach Algerien gereist, um zu betteln – bis die Behörden sie aufgriffen und zur Rückkehr zwangen. Während sie auf den Bus warteten, hielten ihnen lokale Bettler Plastikschüsseln entgegen. Denn für sie waren die anderen die Glücklichen, die in Algerien mehr erbetteln konnten. Bettler, die bei Bettlern betteln, die selbst keine sichere Zukunft haben.