Wer unter den Europäern ist menschlicher? Und wer ist härter? Die Spanier, die Italiener, die Franzosen, die Deutschen, die Österreicher, die Korsen, die Katalanen, die Bayern …? Die Liste ließe sich fortsetzen.

Es gibt viele, die sich derzeit an diesem Wettbewerb beteiligen, die einen übertrumpfen sich in ihren humanen Gesten, die anderen wollen Härte demonstrieren. Entstanden ist dieser Wettbewerb durch die Weigerung der italienischen Regierung, weitere Schiffe mit Migranten und Flüchtlingen an Bord in Häfen einlaufen zu lassen. Viele Jahre landeten die Schiffe in Italien, während andere europäische Staaten den Italienern immer wieder Umverteilung der Flüchtlinge, Geld und Hilfe versprachen.

Diese Versprechungen wurden mehr schlecht als recht eingehalten. Aus Rom kamen deswegen immer wieder Klagen, doch die italienischen Häfen blieben weiterhin offen. Daran hatten sich die Europäer gewöhnt. Sie verdrängten das Problem.

Nun hat die neue italienische Regierung die Praxis der offenen Häfen auf radikale Weise beendet. Und schon bricht in der EU ein großes Durcheinander aus. Viele nationale Politiker in der EU reagieren panisch, unkoordiniert und vollkommen selbstbezogen. 

Eine rasante Renationalisierung Europas

Beispiel eins: Die spanische Regierung öffnete den Hafen von Valencia für ein Schiff mit 629 Menschen an Bord. Das war ein Akt der Menschlichkeit und ein politisches Signal. Doch gewiss war die Entscheidung auch innenpolitisch begründet. Der soeben an die Macht gekommene Sozialdemokrat Pedro Sanchez wollte mit dieser Geste auch seine Popularität steigern.

Beispiel zwei: Auch die korsischen Nationalisten boten ihre Häfen an. Sie wollten dem ungeliebten französischen Präsidenten eins auswischen, also ebenso ein innenpolitisches Ziel.

Beispiel drei: Der katalanische Regionalpräsident, der Separatist Quim Torra, bot auch einen offenen Hafen zum Anlegen an. Auch die Katalanen wollten ihre Menschlichkeit unter Beweis stellen, zum Glück. Doch trieben auch sie innenpolitische Motive. Der katalanische Regionalpräsident möchte durch seine großzügige humanitäre Geste vergessen machen, dass er sich in der Vergangenheit öffentlich immer wieder rassistisch gegenüber Spaniern geäußert hat.

Die CSU hingegen ist in einem anderen Teil dieses Wettbewerbs aktiv. Sie versucht den Ausdruck "Ich bin härter!" immer weiter zu steigern. Weil sie die Landtagswahlen im Herbst im Blick hat und weil sie spürt, dass eine Mehrheit der Deutschen nach den Debatten um das Bamf und dem Mord an Susanna F. für eine harte Linie in der Asylpolitik ist. So geht es munter dahin. Jeder verfolgt seine Interessen, jeder schärft sein politisches Profil auf Kosten des politischen Gegners. Das Thema Migration wird von allen als Vehikel benutzt.