Die Flucht nach Europa über das Mittelmeer ist lebensgefährlich: Immer wieder gibt es Bootsunglücke, bei denen Flüchtlinge sterben. Axel Steier ist Mitgründer der Rettungsorganisation Lifeline. Seit 2016 ist ihr Schiff im Mittelmeer im Einsatz – so auch jetzt. Mehr als 230 Flüchtlinge hat die Crew an Bord, an Land bringen aber darf sie die Menschen nicht. Im Interview spricht Steier über die Lage an Bord und Lösungsmöglichkeiten.

ZEIT ONLINE: Seit Donnerstag ist Ihr Schiff mit 234 Flüchtlingen an Bord auf dem Mittelmeer blockiert – wie ist die Situation: Gibt es ausreichend Wasser, Decken, Lebensmittel?

Axel Steier: Prinzipiell ist die Stimmung an Bord eher gut. Sie müssen wissen: Die Leute kommen aus ganz anderen Verhältnissen, waren in Keller eingesperrt, wurden vergewaltigt oder gefoltert. Nun sind sie weitestgehend in Sicherheit. Das ist das eine. Das andere ist die Versorgung: Wir sind gut vorbereitet losgefahren, für die direkte Fahrt zum Hafen hätte es gereicht. Aber für mehrere Tage auf See sind wir nicht ausgerüstet.

Axel Steier ist seit 2016 mit der "Lifeline" im Einsatz. © Monika Skolimowsk/dpa

ZEIT ONLINE: Was fehlt?

Steier: Decken beispielsweise. Wir sind mit 175 Stück gestartet. Das reicht für eine Nacht, schließlich können sich zwei Menschen auch mal eine teilen – nicht aber für mehrere Tage. Wir haben Frauen und Jugendliche an Bord, zudem vier Kleinkinder. Für sie gilt besonderer Schutz, den können wir gerade nicht bieten. Ein zweites Problem: der Platz. Das Schiff ist 30 Meter lang und acht Meter breit. Die Menschen müssen größtenteils auf Metallböden schlafen, es gibt nur an wenigen Stellen an Bord Holz. Die Kojen unter Deck benötigt die 17-köpfige Crew. Die arbeitet rund um die Uhr in Schichten und muss sich erholen können.

ZEIT ONLINE: Die Organisationen Sea-Eye und Sea-Watch unterstützen Sie. Wie genau?

Steier: Das wichtigste waren Medikamente. Es gibt zwei Fachärzte, die brauchen Material, um zu helfen. Uns gehen die Desinfektionsmittel aus, die sind aber wichtig, um Seuchen vorzubeugen. Außerdem brauchen wir Antibiotika – die Medikamente sind auf Malta verfügbar, also sollten wir sie auch an Bord haben. Wasser und Lebensmittel haben Sea-Eye und Sea-Watch ebenfalls gebracht.

ZEIT ONLINE: Wie sieht die Verpflegung aus?

Steier: Weil wir momentan die zehnfache Menge Menschen an Bord haben als normalerweise, ist in anderthalb Tagen aufgebraucht, was sonst für zwei Wochen reicht. Wegen der Sonne sollte jeder drei Liter Wasser am Tag trinken. Nun haben wir im Schiffstank 16 Tonnen trinkbares Wasser – das schmeckt aber eher schlecht. Flaschen sind deutlich besser. Was die Ernährung betrifft: Die ist recht eintönig. Wir setzen auf Couscous, den wir mit Gemüse aus Dosen – auf einem Schiff hält sich ja nichts – oder etwas Brühe aufhübschen. Lange geht das aber so nicht mehr weiter.

ZEIT ONLINE: Wo genau liegt die Lifeline derzeit?

Steier: Wir sind südwestlich von Malta. Die maltesische Regierung und Soldaten sind alle ganz freundlich, aber man will die Verantwortung nicht und man wünscht sich uns dort weg. Italien weigert sich ebenfalls. Wir werden also erst mal mehr nach Norden fahren.