Der Rauch bengalischer Feuer erfüllt die Luft, als der Bus von Muharrem İnce sich einen Weg durch ein Meer aus roten Fahnen bahnt, laute Musik schallt über den Platz. "Seid ihr bereit? Seid ihr bereit?", ruft ein Anheizer vom Dach des Busses der Menge zu, die sich unter der Nachmittagssonne vor dem Kulturzentrum des Istanbuler Stadtteils Zeytinburnu versammelt hat. "Ja!", schreien Tausende Menschen zurück und Sprechchöre von "İnce Präsident, İnce Präsident" hallen über den Platz. Der Kandidat der säkularen Republikanischen Volkspartei (CHP) ist auf Wahlkampftour in Istanbul, und wo immer er hinkommt an diesem Tag, wird er empfangen wie ein Popstar.

Als Präsident Recep Tayyip Erdoğan im April überraschend für den 24. Juni vorgezogene Neuwahlen ausrief, wirkte die Opposition überrumpelt. Niemand hatte damit gerechnet, dass die für November 2019 angesetzten Parlaments- und Präsidentschaftswahlen so weit vorgezogen würden. Weder hatten die Oppositionsparteien ihre Programme veröffentlicht, noch ihre Kandidaten aufgestellt. Drei Wochen vor der Abstimmung ist dem Präsidenten aber mit İnce ein ernstzunehmender Herausforderer erwachsen, der gute Chancen hat, ihn in eine Stichwahl zu zwingen.

"Die Türkei wird frei sein", ruft İnce der Menge zu, als er schließlich im offenen weißen Hemd auf das Dach seines Busses steigt. Den Ausnahmezustand werde er aufheben und Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit und den sozialen Frieden im Land wiederherstellen, verspricht der CHP-Kandidat. Erdoğan habe als Präsident die dritte Bosphorus-Brücke in Istanbul gebaut, er werde als Staatschef eine Vierte bauen – eine "Brücke der Herzen" zwischen Türken und Kurden, Sunniten und Aleviten und all den anderen Volksgruppen des tief gespaltenen Landes, verspricht İnce.

Der 54-jährige Abgeordnete aus Yalova hat der sozialdemokratischen CHP neuen Schwung gegeben, die unter ihrem Vorsitzenden Kemal Kılıçdaroğlu zuletzt bei Wahlen nie über 25 Prozent hinausgekommen war. Mit seinem "Marsch für Gerechtigkeit" war es Kılıçdaroğlu im Sommer 2017 zwar gelungen, Hunderttausende Menschen auf die Straße zu bringen, doch mit seiner eher leisen, milden Art ist er dem Volkstribun Erdoğan nicht gewachsen. So verzichtete er auf die Kandidatur und ließ İnce den Vortritt – eine kluge Entscheidung, wie sich nun zeigt.

İnce kann poltern, schreien, polemisieren – wie Erdoğan

Der frühere Physiklehrer kann poltern, schreien und polemisieren, und sein hemdsärmeliges Auftreten kommt bei den Wählern an. Er werde den Frauen nicht vorschreiben, wie viele Kinder sie kriegen sollen, sondern sich um den Nachwuchs kümmern, ruft İnce bei der Kundgebung in Zeytinburnu. Erdoğan verspotte ihn, weil er keine Regierungserfahrung habe, dafür höre er aber auf seine Ökonomen. Wenn Erdoğan an der Macht bleibe, werde die Währung bald auf zehn Lira zum US-Dollar steigen, warnt er. Er dagegen werde das Vertrauen wiederherstellen.

Die Wirtschaft war bisher immer Erdoğans Stärke. In seiner Regierungszeit hat das Land einen enormen Entwicklungsschub erlebt, und die Situation der meisten Türken hat sich sichtbar verbessert. Doch nun fällt seit Monaten die Währung, das Außenhandelsdefizit wächst und die Inflation liegt bei zwölf Prozent. Viele Unternehmen sind verschuldet und das Wachstum wird nur noch durch staatliche Investitionen am Laufen gehalten. Viele Türken sind besorgt, da kann Erdoğan noch so oft vortragen, wie viele Brücken er gebaut, und Flughäfen er geschaffen hat.

Erdoğans Gegner fürchten zudem, dass die Türkei vollends zum Ein-Mann-Regime wird, wenn nach der Wahl das Präsidialsystem in Kraft tritt, das bei einem umstrittenen Referendum im April 2017 knapp gebilligt worden war. Schon heute herrschten Misswirtschaft und Willkür, kritisiert der CHP-Aktivist Ermen Gözküncü am Rande der Kundgebung von İnce. Sicher habe sich unter Erdoğan die Wirtschaft entwickelt, aber profitiert hätten vor allem die Leute im Staatsdienst und in regierungsnahen Betrieben. Insgesamt sei die Ungleichheit gewachsen.

In Umfragen landet İnce inzwischen auf dem zweiten Platz hinter Erdoğan. Die Nationalistin Meral Akşener, der zuvor gute Chancen zugerechnet worden waren, dürfte nur auf Platz Drei kommen. Seit 2002 hat Erdoğans islamisch-konservative Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) jede Wahl gewonnen. Vieles deutet aber darauf hin, dass Erdoğan in der ersten Runde die absolute Mehrheit verfehlt, sodass eine Stichwahl fällig wird. 

Gelingt es İnce dann, die gesamte Opposition hinter sich zu bringen, also unter anderem die konservativ-nationalistische İyi Parti und die linke, prokurdische HDP, könnte es für Erdoğan ernsthaft gefährlich werden. Erste Wahlprognosen deuten an, dass bei einer vollständig geeinten Opposition Kandidat İnce in einer Stichwahl auf bis zu 52 Prozent der Wählerstimmen kommen könnte – genug, um Erdoğan zu besiegen.