Muharrem İnce ist ein Mann der Überraschungen. Dass er Recep Tayyip Erdoğan zwei Monate lang im türkischen Präsidentschaftswahlkampf herausforderte und nun auf mehr als 30 Prozent der Stimmen kam, war die erste. Seine Anhänger wollten das Ergebnis nicht wahrhaben, sie wollten etwas hören, das Hoffnung machte. Und als er am Montagmorgen nach der Niederlage mit tief hängenden Tränensäcken vor das Mikrofon trat, überraschte İnce erneut: "Ich erkenne den Sieg meines Gegners an", sagte er vor Journalisten in Ankara. Weder rief er zu Massenprotesten auf, noch wollte er die Wahl anfechten. Es sei kein faires Rennen gewesen. Doch seine Partei, die säkulare CHP, habe die Stimmzettel nach eigenen Kriterien überprüfen lassen. "Wurden mir Stimmen geklaut? Natürlich! Aber es waren keine zehn Millionen. Das muss ich akzeptieren", sagte İnce. Es könnte nicht die letzte Überraschung gewesen sein.

Erdoğan hat die Präsidentenwahl mit 52 Prozent gewonnen, also gut zehn Millionen Stimmen mehr bekommen als sein Herausforderer İnce. Die Oppositionsparteien hatten gehofft, ihn unter 50 Prozent drücken zu können, um sich bei der Stichwahl vereint hinter İnce zu stellen. Der hätte dann tatsächlich eine Chance gehabt, Dauerstaatschef Erdoğan abzulösen. Nun will er weiter eine wichtige Rolle in der Opposition spielen, wenn er dafür den Rückhalt bekommt.

Dafür muss die Türkei erst einmal verdauen, was in den vergangenen zwei Monaten passiert ist, seit Erdoğan Neuwahlen ausrief. Die Zivilgesellschaft blickt auf einen Wahlkampf zurück, den es so zumindest seit 2002 nicht gegeben hat, als Erdoğans AKP die Macht übernahm. Mit İnce erlebten die Türken erstmals wieder einen Politiker, der in seinen Reden gezeigt hat, dass er genauso gut poltern, polemisieren und brüllen kann wie Erdoğan. Einen, der den Präsidenten frech duzte, ihn als reichen Herrscher beschimpfte, der losgelöst vom Volk regiere. İnce machte sich über Erdoğan lustig, weil der von kostenlosen Teehäusern träume, während die Welt an Nanotechnologie forsche.

Gespür für das Volk

Nach eigenen Angaben hat İnce mehr als 100 Reden in der Türkei gehalten. In Metropolen wie Izmir, Istanbul, Ankara kamen Millionen zu seinen Auftritten. Sie jubelten, weil sie einen charismatischen und angriffslustigen Kandidaten sahen, den sie nicht mehr aus Verzweiflung wählen wollten, sondern weil sie stolz auf ihn sind. İnce, der seit 2002 im Parlament sitzt und aus der kleinen Provinz Yalova stammt, hat ein Gespür für das Volk.

Innerhalb der CHP dürfte er deshalb auch in Zukunft eine große Rolle spielen. Für die linksnationalistische Partei hat es sich trotz der verlorenen Wahl ausgezahlt, auf den 58-Jährigen zu setzen. İnce hatte nur zwei Monate Zeit, um sich der Türkei vorzustellen. Er hatte bei Weitem nicht dieselben Mittel wie Erdoğan. Dennoch bescherte er der CHP, die auf den Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk zurückgeht, ein Ergebnis wie seit 40 Jahren nicht mehr. 

Spannender als die Frage nach İnces Zukunft in der CHP ist seine Rolle in einer Türkei, in deren Strukturen der Präsident seine Macht mit dieser Wahl nun endgültig zementiert hat. 

Den 56 Millionen Wahlberechtigten hatte sich İnce von einer völlig neuen Seite genähert. Vom Bauboom in der Tükei halte er nichts, hatte er immer wieder deutlich gemacht. Istanbul brauche keinen neuen Megaflughafen und die unter Erdoğans Führung gebaute dritte Brücke über den Bosporus sei bedeutungslos, solange Bürger nicht das Geld hätten, um sie überqueren zu können. Statt dem neuen Megaprojekt der Regierung, Atomkraftwerke zu bauen, seien erneuerbare Energien die Zukunft. Solche Aussagen irritierten besonders die ältere Generation, die sich noch an eine wirtschaftlich schwache Türkei erinnern. Bauvorhaben zu stoppen, das passte nicht in ihre Vorstellung einer sich globalisierenden Türkei, die eines Tages nicht mehr ehrfürchtig in den Westen schauen muss.

Eine solche Opposition hat es noch nie gegeben

İnce ging aber noch einen Schritt weiter und konnte wohl auch deshalb bei dieser Wahl keine wirklich breite Mehrheit hinter sich versammeln. Er verbündete sich mit den Rechtsnationalisten der İyi-Partei und den Islamisten der Saadet-Partei, wobei Letztere nur am Rande eine Rolle spielt. Die Allianz schloss die prokurdische HDP nicht ein, um sich Stimmen der Nationalisten zu sichern. Gleichwohl nutzte İnce viele Gelegenheiten, Nähe zu den Kurden zu demonstrieren. Er besuchte sogar den inhaftierten Vorsitzenden der HDP, Selahattin Demirtaş, im Gefängnis. Ein Mix aus Kemalisten, Nationalisten, Islamisten und Kurden – eine solche Opposition hat es in der Türkei noch nie gegeben. Doch viele Erdoğan-Wähler werfen İnce vor, gemeinsame Sache mit der HDP zu machen. Viele Türken sehen die Partei als politischen Arm der PKK.

İnce ist ein Taktiker, der weiß, dass es ohne die Nationalisten in der Türkei nicht geht. Deshalb schreckte er, der sich sonst meist sozialdemokratisch gab, in den richtigen Momenten vor populistischen Aussagen nicht zurück. Er kritisierte syrische Flüchtlinge, die während der Ferien das Geld hätten, in die Heimat zu reisen und dann wieder zurück in die Türkei zu kommen. "Die Türkei ist keine Suppenküche, es gibt hier genug Arbeitslose", sagte İnce. Zudem betonte er mehrfach, dass die säkulare CHP nichts gegen religiöse Schichten habe. Die Wiedereinführung des Kopftuchverbots stehe nicht zur Debatte. Seine eigene Familie sei schließlich konservativ, seine Mutter trägt Kopftuch – er posiert gern neben ihr. İnce traute sich einiges: "Als Sunniten haben wir den Aleviten in diesem Land Unrecht angetan, das ist nun einmal eine Tatsache", sagte er vor laufenden Kameras. Gefragt nach seinen Bauprojekten, konterte er in einer TV-Sendung: "Welches größere Projekt könnte ich haben, als die gesellschaftlichen Gräben in der Türkei zu schließen und Frieden zu bringen?"

İnce hat unter kaum fairen Bedingungen einen furiosen Wahlkampf hingelegt. Obwohl ihn beispielsweise viele regierungsnahe Medien komplett ignorierten, mobilisierte er viele Türken und machte ihnen Hoffnungen. Die Zukunft des CHP-Stars wird nun aber vor allem von zwei Faktoren abhängen. Zum einen ist İnce davon abhängig, dass Erdoğan trotz seiner enormen Exekutivrechte überhaupt noch genügend Raum für andere lässt, um politisch etwas bewirken zu können. Zum anderen braucht İnce Zeit, um zu zeigen, dass auch für die breite Masse irgendwann ein Politiker der Richtige ist, der nicht auf den Bau neuer Prestigeprojekte setzt, sondern auf die Versöhnung der gespaltenen Gesellschaft. İnce hat diese Motivation: "Ich bin auf 30 Prozent der Stimmen in 50 Tagen gekommen. Was wäre drin gewesen, wenn ich 500 Tage gehabt hätte?", fragte er die Journalisten in Ankara, bevor er sich verabschiedete.