Tausende Palästinenser im Gazastreifen sind erneut an den Grenzzaun zu Israel gezogen, wo israelische Soldaten mit scharfer Munition und Tränengas gegen die Demonstranten vorgehen. Nach palästinensischen Angaben gab es dabei vier Tote und mehr als 600 Verletzte, auch einem Fotograf der französischen Nachrichtenagentur AFP sei in den Fuß geschossen worden. Rund 10.000 Palästinenser würden an fünf Orten im Gazastreifen an der Grenze zu Israel Reifen verbrennen und explosive Gegenstände werfen, teilte die israelische Armee mit. Die Soldaten würden mit entsprechenden Maßnahmen reagieren, um die Unruhen aufzulösen. Zur Verwendung von scharfer Munition wollte sich ein Sprecher zunächst nicht äußern.

Das palästinensische Komitee des Marsches der Rückkehr hatte für diesen Freitag zum "Eine-Million-Marsch für Al-Kuds" (Jerusalem) aufgerufen. Die Proteste fallen diesmal mit dem Al-Kuds-Tag zusammen, der im Iran nach der Islamischen Revolution von 1979 eingeführt worden war. Er soll am letzten Freitag im muslimischen Fastenmonat Ramadan die Bedeutung Jerusalems für die Muslime zeigen, wo ihr Prophet Mohammed der Überlieferung nach in den Himmel aufgestiegen sein soll. Zudem jährt sich derzeit der Sechstagekrieg zum 51. Mal: Am 5. Juni 1967 begann der Krieg, während dem Israel unter anderem den Ostteil Jerusalems und die Palästinensergebiete eroberte.

Die von der radikalislamischen Hamas angeführten Proteste wenden sich auch gegen die seit zehn Jahren andauernde Blockade des Gazastreifens durch Israel und Ägypten. Diese war nach der Machtübernahme der Hamas in Gaza verhängt worden. Die Demonstranten fordern auch ein "Recht auf Rückkehr" in Häuser von Vorfahren im heutigen Israel. Hamas-Führer haben gedroht, die Grenze bei Massendemonstrationen zu durchbrechen. Seit dem 30. März haben fast jeden Freitag Zehntausende Palästinenser am Grenzzaun protestiert und teilweise versucht, auf die andere Seite zu gelangen. Die israelische Armee tötete während der Demonstrationen mehr als 120 Palästinenser, Tausende wurden verletzt.

Israel war international für den Einsatz von Waffengewalt gegen die Palästinenser kritisiert worden. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte das Vorgehen am Donnerstag verteidigt: "Wir haben Wasserkanonen versucht, wir haben Tränengas versucht, wir haben alle möglichen Geräte versucht, und nichts hat funktioniert gegen diese Art von Taktik", sagte er.

Hamas lobt den Protest

Israel wirft der Hamas vor, die Proteste als Vorwand für Angriffe zu nutzen. Am Freitagmorgen warfen israelische Drohnen entzündliches Material auf Reifenhaufen ab, um sie für die Proteste unbrauchbar zu machen, wie palästinensische Organisatoren sagten. Palästinenser lenkten Hunderte Drachen mit brennenden Stofffetzen nach Israel. Diese lösten zunächst allerdings nur kleinere Feuer aus, wie der Sprecher der israelischen Feuer- und Rettungsbehörde mitteilte. In den vergangenen Wochen hätten israelische Feuerwehrleute rund 450 Feuer gelöscht, die von Drachen dieser Art ausgelöst wurden.

Die Hamas lobte den Protest. "Heute ist unser Volk vereint, weil Jerusalem allen Arabern, Muslimen und Palästinensern gehört", sagte Fati Hamad, Mitglied des Hamas-Politbüros. Die Hamas lehne weiter die Anerkennung der USA von Jerusalem als Israels Hauptstadt ab. Die Palästinenser beanspruchen Ostjerusalem als Hauptstadt eines künftigen unabhängigen Staates Palästina.

Israelische Armeeflugzeuge hatten am Donnerstag Flugblätter über dem Gazastreifen abgeworfen. Darin warnte die Armee nach eigenen Angaben die Palästinenser davor, sich dem Grenzzaun zu nähern oder ihn zu beschädigen. Die Menschen sollten "nicht der Hamas als Werkzeug dienen – so wie es in vergangenen Wochen während der gewalttätigen Proteste passiert ist", hieß es in einer Mitteilung der Armee.

Im Iran und im Irak demonstrierten Tausende ihre Unterstützung für die Palästinenser und wünschten Israel den Tod. Einige zündeten israelische Flaggen an und verbrannten Puppen, die US-Präsident Donald Trump darstellen sollten.