Wenn an diesem Dienstag im Stadtstaat Singapur US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Führer Kim Jong Un zusammenkommen, wird es das erste Staatstreffen zwischen der Großmacht USA und dem isolierten Nordkorea sein. Wir analysieren, mit welchen Erwartungen die Protagonisten in den Gipfel gehen, wie sie vorgehen könnten und was am Ende dabei herauskommen kann. Auch Südkorea ist tief in den Gesprächsprozess eingebunden, wenngleich es offiziell nicht an dem Treffen teilnimmt.

1. Was will Donald Trump?

Die Aussagen aus dem Weißen Haus sind widersprüchlich. Zuletzt hieß es, der US-Präsident wolle eine Zusage von Kim Jong Un für eine "komplette, unumkehrbare und zeitnahe Denuklearisierung". Die Regierung hofft, dass Nordkorea sich auf einen genauen Zeitplan einlässt, der über vage Zusagen hinausgeht. Nur dann könne das Land mit der Aufhebung von Sanktionen rechnen. Wie umfangreich die Forderungen sind, bleibt aber offen. Beobachter sagen, ein verlängertes Moratorium könne genauso auf der Liste stehen wie eine Verringerung des Bestands an spaltbarem Material, die Schließung der kerntechnischen Anlage Yŏngbyŏn und eine Aufgabe des Raketensystems. Darüber hinaus könne das Regime in Pjöngjang auch möglicherweise Inspektoren ins Land lassen müssen, um die Abrüstung zu überwachen.

In einem Gespräch Trumps mit dem japanischen Premierminister Shinzō Abe in der vergangenen Woche hatten beide Staatschefs noch gesagt, eine Abrüstung beinhalte auch chemische und biologische Waffen sowie sämtliche Raketenprogramme. Gegenüber den Amtskollegen in Südkorea und China aber war davon keine Rede. Auch an anderer Stelle bleibt die Regierung im Vorfeld vage: Auf die Frage etwa, ob Nordkorea ein ziviles Nuklearprogramm haben dürfe, um den eigenen Energiebedarf zu decken, wollte US-Außenminister Mike Pompeo zuletzt nicht antworten.

2. Was ist Trumps Strategie?

Die Berater des US-Präsidenten haben laut US-Medien davon abgeraten, Kim frühe Zugeständnisse anzubieten – die Last, den Gipfel zu einem Erfolg zu machen, solle bei Nordkoreas Führer liegen. Für den Fall, dass Nordkoreas Führer sich nicht auf die Bedingungen der Amerikaner einlasse, sei der Präsident bereit, das Treffen abzubrechen. Sollte es dagegen gut laufen, könne es schon bald zu einem zweiten Treffen im Golfresort Mar-a-Lago in Florida kommen. Am Rande des Besuchs von Japans Regierungschef Abe am Donnerstag stellte Trump die Einladung erneut in Aussicht.

Ob Trump den Ratschlägen folgt, ist indes offen. In den USA herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass Trump ein unkonventioneller Präsident ist – das dürfte sich auch in den Verhandlungen mit Kim zeigen. Es sei wahrscheinlich, dass Trump seine Strategie vor Ort spontan ändere, je nachdem, wie sich das Treffen entwickle, schrieb der Thinktank Brookings Institution. Der Präsident sei in der Lage, über Menschenrechtsverletzungen in Nordkorea an einem Tag hinwegzusehen und sie am nächsten öffentlich anzuklagen. Auf der anderen Seite bestehe so die Möglichkeit, dass Trump sich auf Gegenleistungen einlasse, die bislang als tabu galten – etwa Veränderungen im Verhältnis zwischen den USA und Südkorea oder eine Zusage, Kim offiziell als Führer zu unterstützen.

3. Was kann Trump maximal erreichen?

Kaum ein Nordkorea-Experte in den USA rechnet damit, dass sich Kim Jong Un auf die Forderungen nach einer vollständigen Denuklearisierung seines Landes einlassen wird – zumal ohne gleichzeitige Gegenleistungen wie einen Abzug von US-Truppen aus dem Süden. Entsprechend sind frühere Versuche von US-Präsidenten, etwa ein Moratorium für Atomtests und Raketenprogramme durchzusetzen, wiederholt gescheitert.

Die große Hoffnung ist, dass Trump und Kim sich ausreichend von ihren Vorgängern unterscheiden, um eine neue Schnittmenge zu schaffen. Es gilt aber als wahrscheinlicher, dass die beiden Staatschefs sich in Singapur nur auf Grundsätze einigen und die Ausarbeitung der Details anschließend ihren Teams überlassen. Von der Organisation Union of Concerned Scientists hieß es vor dem Gipfel, das beste Ergebnis sei die Festlegung gemeinsamer Ziele und ein grober Handlungsplan für eine Abrüstung. So aufregend Gipfeltreffen seien, schreibt auch Nordkorea-Experte Ryan Hass, wichtig sei vor allem, was anschließend folge. Am Ende dürfte Trump das Treffen wohl in jedem Fall als Erfolg verkaufen, auch wenn es hinter den Kulissen kaum ernsthafte Fortschritte gegeben haben sollte.

4. Was kann Trump verlieren?

Der US-Präsident weiß, wie groß das innenpolitische Risiko des Treffens ist. Erst vor wenigen Wochen hatte Trump den Austritt aus dem Atomabkommen mit dem Iran erklärt. Sollte er jetzt aus Singapur mit einer Vereinbarung zurückkehren, die hinter dem Iran-Deal zurückbleibt, dürfte das seinen Kritikern neue Argumente liefern. Nicht umsonst hat der Präsident zuletzt die Erwartungen heruntergespielt und darauf hingewiesen, dass das Treffen nur der erste Schritt sei – und sich die Gespräche über eine nukleare Abrüstung Nordkoreas über Jahre hinziehen könnten. "Wir werden am 12. Juni nichts unterzeichnen", so Trump nach dem Treffen mit Nordkoreas Topspion Kim Yong Chol in Washington in der vergangenen Woche.

Manche Beobachter fürchten, das Weiße Haus überschätze die eigene Verhandlungsmacht und könne mit seinen Forderungen in Singapur zu weit gehen – und das Treffen so zum Scheitern bringen. Auch dass die Ziele des Weißen Hauses nicht eindeutig seien, gefährde die Gespräche und könne im schlimmsten Fall zu einer neuen Rivalität mit einem erstarkten Nordkorea führen.

Trump und seine Fürsprecher sehen die vagen Äußerungen als Teil der Strategie, den Verhandlungspartner aus dem Gleichgewicht zu bringen. Doch Kenner fürchten, der Präsident streue damit gefährliche Verwirrung. Es sei wichtig, dass die Welt sich auf die Worte des US-Präsidenten verlassen könne – das gelte besonders im Umgang mit dem Regime in Pjöngjang.