Mit der Intervention der Nato endete 1999 ein Zyklus von Kriegen auf dem Balkan. Danach herrschte zumindest einigermaßen Stabilität, und die Europäische Union gab sich damit zufrieden. Sie wandte sich anderen, vermeintlich größeren Dingen zu. Die Westbalkanstaaten gerieten in Vergessenheit. Dann aber tauchten vor ein paar Jahren Russland, China und die Türkei als geopolitische Konkurrenten in der Region auf. Wie viel Einfluss sie in der Region wirklich haben, das ist höchst umstritten. Die Wahrnehmung der EU jedenfalls ist: Wir müssen uns dringend kümmern, sonst könnten die Westbalkanstaaten an unsere Konkurrenten verloren gehen.

Will die EU aber in der Weltpolitik wirklich eine Rolle spielen, muss sie in ihrer näheren Nachbarschaft die bestimmende Kraft sein. Diese Erkenntnis hat sich in Brüssel durchgesetzt. Das ist der Hintergrund für das verstärkte Engagement der EU auf dem Balkan, das um das Jahr 2014 begann. Sichtbare Erfolge gab es seither wenige. Die EU erneuerte kürzlich zwar die Beitrittsperspektive für die Staaten in der Region, doch geht und ging es nur sehr langsam voran. Kaum jemand in Brüssel glaubt wirklich, dass auch nur einer der sechs Westbalkanstaaten (Serbien, Bosnien-Herzegowina, Albanien, Kosovo, Mazedonien, Montenegro) bis 2025 wird beitreten können, wie es die EU-Kommission anvisiert. Dafür liegt noch zu vieles in der Region im Argen. Auch die Akzeptanz innerhalb der EU für einen Beitritt weiterer Staaten ist viel zu niedrig.

Jetzt ist zum ersten Mal ein veritabler Durchbruch erzielt worden. Mazedonien und Griechenland haben sich im sogenannten Namensstreit geeinigt. Mazedonien soll in Zukunft Nordmazedonien heißen. Das haben der sozialdemokratische Regierungschef Mazedoniens, Zoran Zaev, und sein sozialistischer griechischer Kollege, Alexis Tsipras, vereinbart. Im Herbst sollen die Mazedonier über dieses Abkommen in einem Referendum abstimmen. Von außen betrachtet geht es dabei um einen skurril anmutenden Konflikt. Mazedonien war 1991 aus dem Zerfall Jugoslawiens hervorgegangen. Griechenland lehnte den Namen Mazedonien für diesen neuen Staat kategorisch ab, weil damit angeblich Gebietsansprüche auf das griechische Makedonien formuliert waren.

EU sollte Signalwirkung nutzen

Griechenlands Ablehnung hatte Folgen: Mazedonien hat keine Aussicht, der Nato oder der EU beizutreten. Das Nato- und EU-Mitglied Griechenland drohte für den Fall immer mit seinem Veto. Solange es keine Einigung im Namensstreit gab, konnte Mazedonien sich also nicht fester an den Westen binden. Mazedonien blieb eine Art Niemandsland, in dem die geopolitischen Konkurrenten der EU ihre Interessen verfolgen konnten, ohne viel Aufwand zu betreiben. Russland will zum Beispiel nicht, dass Mazedonien Mitglied der Nato wird. Und solange Griechenland bei seiner Position blieb, musste Russland so gut wie nichts tun, um dieses Ziel zu erreichen. Das hat sich nun geändert. Die griechische Blockade ist aufgehoben. Jetzt müsste Russland sich schon anstrengen, um den Beitritt Mazedoniens zur Nato zu verhindern.

Die Einigung im Namensstreit ist auf erheblichen Druck Brüssels zustande gekommen. Das hat Signalwirkung. Die EU ist trotz aller Krisen, in denen sie steckt, immer noch handlungsfähig. Sie weiß, was sie will, und sie kann es auch durchsetzen. Nordmazedonien ist der Beweis dafür. Weitere sind dringend erwünscht.