Es ist eine historische Übereinkunft, eine mutige Entscheidung von zwei entschlossenen Männern – und der beste Deal seit langer Zeit. Die Rede ist nicht von der säuselnd unverbindlichen Erklärung von Donald Trump und Kim Jong Un in Singapur. Es geht um die Vereinbarung der Ministerpräsidenten von Griechenland und Nordmazedonien, einen hartnäckigen Namensstreit endlich zu beenden. Sie haben richtig gelesen: Nordmazedonien. So soll nach dem Willen der griechischen und nordmazedonischen Regierung das Land nördlich von Griechenland künftig heißen.

Mehr als ein Vierteljahrhundert stritten sich Athen und Skopje über den Namen des Staates, der im Zerfall Jugoslawiens 1992 auf der Landkarte auftauchte. Griechische Populisten – unter ihnen Ex-Ministerpräsident Antonis Samaras – hatten damals die Griechen rebellisch gemacht, als Skopje den Namen "Mazedonien" wählte. Denn der war ihrer Ansicht nach schon für den griechischen Norden reserviert. Das neue Land musste sich bei den Vereinten Nationen FYROM (Former Yugoslav Republic of Macedonia) nennen und durfte wegen des Athener Vetos weder in die Nato noch in die EU. Dafür provozierte die nationalistische Regierung in Skopje die Griechen so gut es nur ging und benannte Straßen, Brücken und Flughäfen im Land nach Alexander dem Großen.

"Alles Unfug!", finden Alexis Tsipras und der nordmazedonische Premier Zoran Zaev. Der Sozialdemokrat Zaev und der sozialdemokratisierte Linke Tsipras haben einen Plan, um die gegenseitige Blockade zu beenden. Erst sollen die Außenminister am Wochenende ein Abkommen unterzeichnen. Dem muss das Parlament in Skopje zustimmen und den neuen Namen später in einer Verfassungsänderung feierlich besiegeln. Ganz am Ende steht ein Referendum. Die Griechen wollen im Gegenzug mögliche EU-Beitrittsverhandlungen und eine Aufnahme in die Nato nicht mehr behindern. Mit dem Akronym-Ungetüm FYROM ist dann auch Schluss.

Klug und weitsichtig

Daraus lernen wir zweierlei: Erstens sind Deals, die nicht einem Erpressungsprinzip folgen, auch im Zeitalter von Trump noch möglich. Zweitens dürfen Sozialdemokraten in ihrer europaweiten Dauerdepression ruhig mal etwas Stolz daraus ziehen, dass Zaev einer von ihnen ist und Tsipras sich nach der Irrfahrt des Alexis sozialdemokratisiert hat. Ihre Vorgänger waren ein korrupter Nationalist in Skopje und der Populist Samaras in Athen. Da lief nichts.

Klug und weitsichtig ist der Deal, weil er aus granteligen Muss-ja-Nachbarn endlich Freunde machen könnte, weil er beiden Seiten wirtschaftlich helfen wird – und weil er obendrein auch noch die nationalen Interessen von Nordmazedonien und Griechenland bedient.

Für Athen ist es sehr wichtig, das Image des Störenfrieds loszuwerden, der ein kleines Land blockiert. Tsipras weiß, dass er selbst irgendwann die Solidarität größerer Verbündeter brauchen könnte. Die Griechen spüren wöchentlich, wie sich die strategische Lage in der Ägäis verändert.

Seitdem der türkische Präsident Erdogan den Nationalismus zur Mobilisierung seiner Wähler ausschlachtet, geht es mit den Beziehungen zu Griechenland bergab. Die Türkei fordert die Auslieferung von sieben Soldaten, die nach dem Putschversuch 2016 nach Griechenland geflohen sind. Die Türken haben – als Faustpfand – zwei griechische Soldaten entführt. Täglich donnern türkische Kampfjets im Tiefflug über griechische Urlaubsinseln. In Griechenland befürchtet man die Besetzung kleinerer Inseln durch die Türkei. Schon 1996 gab es fast Krieg in der Ägäis. Heute zieht Erdoğan den Vertrag von Lausanne 1923 in Zweifel, der die Grenzen festschreibt. Griechenland wird notfalls die Hilfe der Verbündeten gut gebrauchen können.

Für Skopje ist die Umbenennung in Nordmazedonien der Weg aus der Isolation des kleinen Landes. Mit der EU möchte Skopje gern den in Aussicht gestellten Beitrittsprozess beginnen. Der Beitritt selbst ist noch ein fernes Ziel. Schneller könnte es gehen, der Nato beizutreten. Vor einem Jahr trat der ex-jugoslawische Kleinstaat Montenegro der Allianz bei, gegen lautstarken russischen Protest. Jetzt trifft sich das Bündnis im Juli zu einem Gipfel. Einem Nordmazedonien würde die Nato wohl nicht mehr die Tür versperren.

Doch bis dahin müssen Tsipras und Zaev ihre Parlamente und Öffentlichkeit noch vollends von ihrer Abmachung überzeugen. Das wird nicht ganz leicht werden. Die Nationalisten, Populisten, die orthodoxe Kirche und vielleicht auch Russland werden sie gegen sich haben. Deshalb brauchen sie alle Hilfe aus Brüssel und Berlin.