Laut Untersuchungen der Rechercheplattform Reveal wurden Jugendliche in amerikanischen Heimen mit starken Medikamenten ruhig gestellt. In dieselben Unterkünfte werden seit einigen Wochen auch die Kinder illegaler Einwanderer geschickt, die von ihren Familien getrennt wurden. Den Berichten zufolge gehen aus Gerichtsakten und einer Klageschrift hervor, dass Minderjährigen in Heimen des Betreibers Shiloh bei Houston starke Psychopharmaka verabreicht wurden, die sie sedierten und handlungsunfähig machten. Die Kinder seien mitunter gezwungen worden, die Mittel einzunehmen oder sie sich spritzen zu lassen, wenn sie ihre Freiheit wieder erlangen oder ihre Eltern wiedersehen wollten. Außerdem seien die Mittel als Vitamine oder Aufbaupräparate verharmlost worden.

Der Fall fügt sich ein in eine größere Untersuchung der Texas Tribune zum Zustand von Heimen für Jugendliche in den USA. Aufgrund der Null-Toleranz-Politik des US-Präsidenten Donald Trump wurden in den vergangenen sechs Wochen mehr als 2.300 illegale minderjährige Einwanderer von ihren Familien getrennt und in solchen Heimen untergebracht. Wie die Recherchen von Reveal und Texas Tribune nahelegen, werden diese privat betriebenen, mit Steuergeldern unterstützten Unterkünfte außerordentlich nachlässig geführt.

71 Unternehmen in den USA haben seit 2014 insgesamt 3,4 Milliarden US-Dollar an staatlichen Zuschüssen für die Betreuung sogenannter unbegleiteter Minderjähriger erhalten. Nach Angaben von Reveal ging die Hälfte dieser Zuschüsse an Einrichtungen, gegen die bereits Anschuldigen wegen Misshandlung von Kindern oder Verletzung der Aufsichtspflicht vorlagen. Die Verträge mit den staatlichen Behörden liefen in vielen Fällen dennoch weiter. Einige Einrichtungen schlossen und eröffneten unter anderem Namen neu.

Schusswaffen, Verbrennungen, Übergriffe

Zwischen 2009 und 2016 wurden beispielsweise 64 Beschwerden gegen die Zustände in der KidsPeace Mesabi Academy in Buhl, Minnesota, eingereicht. Es ging um um mangelnde Fürsorge, unverantwortliches Mitarbeiterbetragen und den Umgang mit den Kindern. Die Firma hat diese Vorfälle nie den Behörden gemeldet. Erst im Juli 2016 wurde die Einrichtung geschlossen. Im Fall eines anderen texanischen Trägers konnte das zuständige Gesundheitsamt zwischen 2016 und 2018 nach Inspektionen 116 Mängel feststellen, darunter Schusswaffen in einem Jugendheim, sexuelle Kontakte zwischen Betreuern und Schutzbefohlenen oder Verbrennungen zweiten Grades.

Wegen der öffentlichen Empörung über seine Politik des Umgangs mit Migrantenfamilien hatte der US-Präsident am Mittwoch verfügt, dass Kinder nun nicht mehr von ihren Eltern getrennt werden sollen. Illegal über die Grenze kommende Flüchtlinge sollen aber weiterhin strafrechtlich verfolgt und inhaftiert werden. Zudem sollen die getrennten Familien wieder zusammengeführt werden: Aus Regierungskreisen hieß es, die Bundesbehörden arbeiteten an einem zentralisierten Familienwiedervereinigungsprozess in einer Hafteinrichtung in Texas. Die Zusammenführung lässt sich aber nicht so schnell organisieren, weil unterschiedliche Behörden für Kinder und Eltern zuständig sind.