Es gab mal eine Zeit, als der Boykott von Sportfesten als probates Mittel galt, Symbolpolitik zu betreiben. Oft hing dieses bewusste Fernbleiben mit dem Kalten Krieg zusammen. Zum Beispiel 1956 nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes durch sowjetische Soldaten. Spanien, Holland und die Schweiz verweigerten deswegen im selben Jahr die Teilnahme an Olympia im australischen Melbourne. Sie wollten bei keinem Sportfest dabei sein, an dem die UdSSR teilnimmt. 

Der mit Abstand bekannteste Boykott bleibt aber jener der USA, einiger westlicher Staaten, sowie einer größeren Gruppe islamischer Länder an den Olympischen Sommerspielen 1980 in Moskau. Sie reagierten damit auf die Invasion der Sowjetunion in Afghanistan im Dezember 1979. 

Die Funktionäre der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) unter dem seinerzeit bereits über siebzigjährigen Parteichef Leonid Breschnew hatten wahrscheinlich mehrere Motive für das riskante Afghanistan-Manöver. Eines war die Sorge, dass ein radikaler Islam aus Afghanistan, wo bereits seit Monaten Bürgerkrieg herrschte, in die südlichen, muslimischen Republiken einsickert und die Stabilität der multiethnischen Sowjetunion gefährdet. Angeblich wurde den Sowjets die Entscheidung einzumarschieren auch deswegen erleichtert, weil der Westen kurz zuvor den Nato-Doppelbeschluss verabschiedet hatte, eine Kombination aus atomarer Nachrüstung und Rüstungskontrolle, mit dem der Warschauer Pakt unter Druck gesetzt wurde. 

Wahrscheinlich ging es den Sowjets aber vor allem um die Sicherung ihrer Einflusssphären. Leonid Breschnew hoffte, er könnte Afghanistan mit seinen rund 100.000 Soldaten stabilisieren und eine moskaufreundliche Regierung installieren. So viel anders handhabt es heute Russlands Staatschef Wladimir Putin im postsowjetischen Raum auch nicht. Putin erweiterte Russlands Einflusssphären, indem er beispielsweise 2014 russische Soldaten die Krim annektieren oder von Moskau gestützte Milizen die Ostukraine besetzen ließ. Nur würde heute deswegen kein Gruppe von Staaten Spiele in Russland boykottieren. Bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2016 ist das nicht geschehen und es wird auch bei der Fußball-WM in diesem Sommer nicht vorkommen.

Helmut Schmidt blieb solidarisch

Was war damals anders? Die Position von Amerika. Anfang 1980 forderte der damalige US-Präsident Jimmy Carter vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC), die Spiele aus Moskau in eine andere Stadt zu verlegen oder gleich ausfallen zu lassen. Falls nicht, würde er einen Boykott in Betracht ziehen und unter alliierten und befreundeten Staaten dafür werben. Doch das IOC und viele der US-Verbündeten zogen nicht mit. 81 Staaten nahmen in Moskau teil, darunter Australien, Neuseeland, Großbritannien, Spanien, Portugal, Dänemark und Irland. Immerhin konnte Jimmy Carter neben Nachbar Kanada zwei enge und wirtschaftlich bedeutende Allliierte überzeugen: Japan und die Bundesrepublik.

Der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew applaudiert bei der Eröffnung der Olympischen Spiele 1980 in Moskau. © dpa

Bundeskanzler Helmut Schmidt war solidarisch geblieben mit Deutschlands Beschützer USA, auch wenn er US-Präsident Carter persönlich nicht sonderlich schätzte. Am Ende intensiver Debatten fand der Wunsch der Amerikaner und des Kanzlers sowohl im Bundestag als auch unter den Funktionären des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) eine Mehrheit. 

Unter den meisten Sportlerinnen und Sportler der betroffenen Länder war der Boykott verständlicherweise mindestens unpopulär, für manche, die gerade auf ihrem Leistungshöhepunkt waren, eine persönliche Katastrophe. Vergeblich hatten sie sich auf die Spiele vorbereitet. Einige waren Goldfavoriten wie beispielsweise der Zehnkämpfer Guido Kratschmer oder die Handballmannschaft der Männer, der amtierende Weltmeister. Für Kratschmer brach im Moment der Absage durch das NOK eine Welt zusammen, Handballstar Heiner Brand, noch nicht mal dreißigjährig, zog sich mit anderen Weltmeisterkollegen aus der Nationalmannschaft zurück.

Sportlich gesehen waren die Spiele 1980 dennoch erfolgreich, es gab 36 Welt- und noch viel mehr Olympia-Rekorde. Insofern war selbst die Abwesenheit der sportlich stets erfolgreichen US-Amerikaner für die Sowjetführung wohl verkraftbar. Weniger verkraftbar war allerdings, dass der 1980 bereits chronisch klammen UdSSR durch den Boykott wichtige Devisen von Touristen aus zahlungskräftigen Ländern wegbrachen.