Auf dem Hügel hält Heiko Maas das Fernglas und nimmt die Geisterstadt in den Blick. Schirokine, ein ukrainischer Badeort bei Mariupol, ist menschenleer. 1.400 Menschen lebten hier vor dem Krieg. Im Sommer kamen die Urlauber aus den Walzwerken und Stahlgießereien des Donbass, um im Asowschen Meer zu baden. Heute leben hier nur noch Ratten und Maulwürfe.

Die OSZE-Truppen, die Heiko Maas hier schützen, lassen eine Drohne einen knappen Kilometer weit in den Ortskern fliegen. Die Felder links und rechts der Straße – vermint. Die grauweißen Häuser – entkernt. Die Straßen – aufgerissen. Hinter der nächsten Häuserreihe – die Kontaktlinie, wie die Verhandler die Front zwischen Ukrainern und prorussischen Separatisten diplomatisch nennen.

Im ukrainischen Donbass sind Schießereien und Artilleriefeuer Alltag, in Europa sind sie längst vergessen. Der Beobachtungsposten der OSZE hat eine halbe Stunde vor der Ankunft des Außenministers noch Gewehrfeuer in der Gegend gemeldet. Erst schoss die eine Seite, dann die andere, wer anfing, ließ sich nicht sagen. Mariupol war vor vier Jahren bitter umkämpft, die Ukrainer konnten es halten. Östlich davon haben die von Russland aufgerüsteten Milizen das Land erobert.

Erstes Treffen seit einem Jahr und vier Monaten

Maas ist hierher gekommen, um sich ein Bild von der nach wie vor explosiven Lage zu machen. Ihn begleitet der ukrainische Außenminister Pawlo Klimkin. Mehr als ein Jahr hat Europa wenig getan, um den Konflikt einzudämmen. So lange haben sich die Außenminister nicht im sogenannten Normandieformat getroffen. Das ist jene Gruppe aus der Ukraine und Russland, Deutschland und Frankreich, die sich 2014 auf die Minsker Vereinbarungen einigten, um einen Frieden zu erreichen. Über den ersten Punkt, den Waffenstillstand, ist man nicht hinausgekommen. Er wird immer wieder gebrochen, wie heute wieder bei Schirokine. 

Heiko Maas will das gemeinsam mit seinem Kollegen Klimkin ändern. "Wir werden euch nicht alleinlassen", sagt Maas. Er stehe hier nach der "völkerrechtswidrigen Annexion der Krim und der Destabilisierung des Donbass" durch Russland an der Seite der Ukraine. Maas und Klimkin kündigen ein Treffen der vier beteiligten Außenminister an, am 11. Juni im Gästehaus des Auswärtiges Amtes in Berlin. Das wird das erste Treffen seit einem Jahr und vier Monaten sein. Im Zentrum soll der Waffenstillstand stehen und ein neuer Plan für den Donbass: eine UN-Friedenstruppe. Der russische Präsident Putin hatte diese Idee, die ihm von den Deutschen vorgeflüstert wurde, vor einem Jahr vorgeschlagen. Diese Friedenstruppe soll im Donbass den Waffenstillstand überwachen und den Rückzug der schweren Waffen durchsetzen. 

Doch die Details sind umstritten. Pawlo Klimkin fordert, dass die UN-Mission "schlagkräftig sein und das ganze Gebiet umfassen" müsse. Erst wenn die volle Kontrolle der besetzten Gebiete hergestellt sei, könnten die geplanten Wahlen im Donbass stattfinden. Die Russen sehen das freilich etwas anders. Sie wollen Wahlen schon jetzt, um die Separatisten zu stabilisieren. Und sie bevorzugen eine schwach ausgerüstete Mission, die die Schlagkraft ihrer Milizen nicht unterminiert. Darüber soll nun in Berlin gesprochen und gestritten werden.