Der frühere Grünenchef Cem Özdemir hat das Wahlverhalten der Türken in Deutschland scharf kritisiert. "Die feiernden deutsch-türkischen Erdoğan-Anhänger jubeln nicht nur ihrem Alleinherrscher zu, sondern drücken damit zugleich ihre Ablehnung unserer liberalen Demokratie aus. Wie die AfD eben", sagte der Bundestagsabgeordnete. "Das muss uns alle beschäftigen."

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hatte bei der Wahl am Sonntag in Deutschland ein deutlich besseres Ergebnis erzielt als zu Hause. Nach Auszählung von 71,9 Prozent der Stimmen in Deutschland lag er mit 65,8 Prozent weit vor seinem stärksten Konkurrent Muharrem İnce von der größten Oppositionspartei CHP mit 21,5 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei 50 Prozent. Das Gesamtergebnis des amtierenden Präsidenten ist deutlich schwächer: Nach Auszählung von 99 Prozent der Stimmen kam er auf 52,5 Prozent.

Wahlberechtigt in Deutschland waren 1,4 Millionen Türken. In der Türkei waren es 59 Millionen. In absoluten Zahlen stimmten rechnerisch etwa 462.000 in Deutschland lebende Türken für Erdoğan als Präsident. In der Türkei stimmten 27 Millionen für Erdoğan, eine Million mehr als für das Erreichen der absoluten Mehrheit notwendig. Die Ja-Stimmen aus Deutschland waren also nicht entscheidend, aber gewichtig. 

Die stellvertretende Fraktionschefin der Linken, Sevim Dağdelen, kritisierte den Ablauf der Präsidenten- und Parlamentswahlen. Sie seien "weder frei noch fair" gewesen, sagte die Vorsitzende der deutsch-türkischen Parlamentariergruppe im Bundestag. "Durch Manipulationen lange vor dem Wahltag hat Erdoğan sein Ziel erreicht, ein autoritäres Präsidialsystem. Es ist zu befürchten, dass Erdoğan die Türkei in eine neue Eskalation treibt."

Özdemir würdigte, dass die prokurdische HDP die Zehnprozenthürde übersprungen hat und damit wieder ins Parlament einzieht. "Ihr gutes Abschneiden und die Wechselstimmung der letzten Wochen zeigen, dass viele Menschen in der Türkei die Nase voll haben von Erdoğans Angstregime", sagte der Grünenpolitiker. "Wäre dieser Wahlkampf einigermaßen fair verlaufen, dann hätte Erdoğan die Macht abgeben müssen." Es bleibe den Oppositionsparteien CHP und HDP nun zu wünschen, dass sie auch über den Wahlkampf hinaus "ein Stachel im Fleisch des Regimes bleiben und das Licht der Demokratie in der Türkei hochhalten".