Thorsten Benner ist Mitgründer und Direktor des Global Public Policy Institute in Berlin. Die persönliche Nähe des US-Botschafters zu Präsident Donald Trump sieht er eher als Chance denn als Problem.

Die Äußerungen des US-Botschafters in Deutschland, Richard Grenell, im Interview mit dem rechtslastigen US-Magazin Breitbart sind eines Diplomaten unwürdig. Dass der Trump-Gesandte persönlich das Erwachen konservativer Kräfte gegen das Establishment in ganz Europa unterstützen möchte, ist eine bizarre Interpretation seiner Aufgaben. Ebenso bizarr ist allerdings die Empörung, die ihm in Berlin entgegenschlägt. Sie reicht von den Transatlantikern, die sich in ihrer Amerika-Liebe und ihrem Stolz gekränkt fühlen, bis zu den Antiamerikanern, die sich bestärkt fühlen.

Unionsvizefraktionschef Johann Wadephul nannte es eine "nicht akzeptable Einmischung in unsere inneren Angelegenheiten", wenn der Botschafter sich nicht aus der politischen Meinungsbildung in Deutschland heraushalte. Ex-SPD-Chef Martin Schulz warf Grenell vor, sich wie ein "rechtsextremer Kolonialoffizier" aufzuführen. So ein Verhalten dürfe Deutschland nicht dulden. Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht forderte, die Bundesregierung solle Grenell "umgehend ausweisen", wenn sie die "demokratische Souveränität unseres Landes" ernst nehme. An diesem Mittwoch soll sich Grenell zunächst im Auswärtigen Amt erklären, bei einem ohnehin geplanten Treffen mit Staatssekretär Andreas Michaelis.

Statt emotional aufgeladener Empörung wäre eine nüchterne Analyse der Lage angebracht. Sie käme für Deutschland zu dem Ergebnis: Das Problem heißt Donald Trump. Grenell, der dem US-Präsidenten politisch eng verbunden ist, ist nur der Bote.

Was brächte es, einen politischen Süßholzraspler als US-Botschafter zu haben, der uns vorgaukelt, dass eigentlich alles ganz normal ist? Grenells Dauerprovokationen bringen Trumps Credo "America first" auf die deutsche Bühne. Sie sind nützlich gegen die Illusion transatlantischer Normalität, der viele im regierungsamtlichen Berlin auch in Trumps erstem Amtsjahr noch lange nachhingen. Mit seinen Entscheidungen zu Zöllen und zum Iran-Deal sollte klar geworden sein, dass wir es mit einem Bruch zu tun haben. Business as usual ist keine Option mehr. Grenell zwingt uns, dieser Tatsache ins Auge zu blicken und das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten neu zu denken.

Grenells Publikum ist allein Trump

Dabei sollten wir uns auf jenes Handeln der Trump-Regierung konzentrieren, das die größte Bedrohung für Deutschlands wie Europas Wohlstand und Sicherheit darstellt. Grenells Ankündigung, konservative Kräfte zu unterstützen, gehört nicht dazu. Denn das Zielpublikum des Botschafters umfasst genau eine Person: Er möchte Trump gefallen. Und ein provokatives Interview mit Breitbart ist ein vielversprechendes Mittel, um im Himmel zu landen, der Trumps Twitter-Feed für manche bedeutet.

Es ist ja auch nicht so, als kommandiere Grenell hinter den heruntergelassenen Rollos der Berliner US-Botschaft eine Armee, um rechte Kandidaten in Europa zu unterstützen. Die überwiegende Mehrheit seiner Mitarbeiter teilt weder Stil noch politische Überzeugungen des neuen Chefs.

Auch stimmt es nicht, dass Grenell populistischen oder gar rechtsextremen Kräften seine Unterstützung zugesagt hätte. Die von ihm favorisierten Politiker wie Jens Spahn und Sebastian Kurz mögen zwar konservativ sein, aber sie sind Teil des politischen Establishments. Grenell traf den deutschen Gesundheitsminister direkt nach seiner Ankunft als erstes Kabinettsmitglied zu einem Abendessen. Und den von ihm als "Rockstar" bezeichneten österreichischen Kanzler hat Grenell für Mitte Juni zu einem Essen in die US-Botschaft eingeladen. Dabei darf man getrost bezweifeln, dass Spahn und Kurz die Salbung durch Trumps Statthalter politisch weiterbringt.