David Miliband war bis 2010 britischer Außenminister. Seit 2013 ist er Präsident des International Rescue Committee (IRC) mit Sitz in New York, das besonders in Krisengebieten Hilfe für Flüchtlinge und Kriegsopfer leistet. In Bangladesch, wohin Hunderttausende Rohingya geflüchtet sind, hat er sich selbst ein Bild von der Lage gemacht.

ZEIT ONLINE: Herr Miliband, wo sind Sie gerade?

David Miliband: Ich bin in Bangladesch, bis gestern war ich noch in Cox's Bazar. Dorthin sind in den vergangenen acht Monaten etwa 680.000 Rohingya-Muslime geflohen. Sie haben sich den 200.000 Rohingya angeschlossen, die schon zuvor dort gelebt haben. Ich habe einen ganzen Tag im Camp verbracht und Verantwortliche, Geflüchtete und Helfer getroffen.

ZEIT ONLINE: Wie ist die Lage?

Miliband: Sehr prekär.

ZEIT ONLINE: Zuletzt hat es heftig geregnet. Waren das bereits die gefürchteten Monsunregenfälle?

Miliband: Nicht wirklich, der richtige Monsun hat noch nicht begonnen. Aber alle warten derzeit auf den großen Regen: mit Angst und angehaltenem Atem. Die Premierministerin, Scheich Hasina, hat mir gesagt, dass der Regen in diesem Jahr etwas spät dran zu sein scheint. Er könnte sich wohl sogar bis zum Juli verzögern. Aber sobald es anfängt zu regnen, und das könnte jederzeit passieren, hört es für drei oder vier Monate nicht mehr auf.

ZEIT ONLINE: Was passiert dann?

Miliband: Die UN vermuten, dass ein Drittel der Gesundheitseinrichtungen im Lager von den Monsunfluten weggewaschen werden könnte. Und es ist offensichtlich, wenn man schaut, wo die Latrinen sind, dass ein Anstieg des Wasserspiegels sie überschwemmen könnte, bis hin zu einer Gefahr für die öffentliche Gesundheit.

ZEIT ONLINE: Warum ist es so schwer, die Rohingya mit Hilfe zu versorgen?

Miliband: Zum einen ist es das schiere Ausmaß, die Zahl. Ich weiß nicht, was in Deutschland ein guter Vergleich wäre. Aber: 680.000 Menschen, das ist die gesamte Bevölkerung von Washington, D.C. – gedrängt in ein Camp, das gerade einmal acht Prozent der Fläche von Washington hat. Zweitens war das Land, auf dem das Lager steht, vorher ein Wald. Vor einem Jahr gab es dort noch Elefanten und Bäume, jetzt nur noch Sandboden, auf dem semipermanente Strukturen gebaut wurden. Das ist geradezu eine Einladung für Schlammlawinen und Erdrutsche. Drittens sind die Menschen tief traumatisiert. Sie kommen aus einem Land, aus dem sie verjagt worden sind. Viele haben ihre Liebsten verloren. Der Grad der Traumatisierung ist enorm hoch.

ZEIT ONLINE: Mit welchen Problemen ist in den kommenden Monaten noch zu rechnen?

Miliband: Neben den gesundheitlichen Gefahren durch den Regen wird auch der Zugang zur Gesundheitsversorgung und den Verteilstellen für Lebensmittel immer schwerer werden. Der Regen wird die Straßen wegspülen, viele Häuser werden dann noch weiter isoliert. Es wird immer schwerer werden, zu den Bedürftigsten zu gelangen. Außerdem gibt es die sehr reale Gefahr, durch Erdrutsche zu sterben. Vergangenen Monat ist ein kleines Mädchen so gestorben: Sie wurde unter einer Lawine begraben. Gerade wenn die Gebäude ganz oben auf den Hügeln abrutschen, können Menschen unten zerdrückt werden. Die größte Gefahr ist aber eher eine langfristige: dass das Engagement nachlässt, sich weniger Menschen um die Rohingya kümmern und Chaos ausbricht.

ZEIT ONLINE: Was sind die drängendsten Aufgaben, die in nächster Zeit im Camp anstehen?

Miliband: Eine effektivere Infrastruktur wäre absolut unerlässlich. In den vergangenen acht Monaten hat die Regierung von Bangladesch damit schon begonnen, aber es gibt noch viel zu tun. Außerdem muss die Qualität der Versorgung verbessert werden. Manche der Maßnahmen für Frauen und Mädchen sind noch nicht auf dem notwendigen Stand. Manchen traumatisierten Menschen wird noch nicht angemessen geholfen. Menschen mit Behinderungen bekommen noch nicht die Versorgung, die sie benötigen würden. Und Kinder bekommen kaum mehr als ein paar Stunden Bildung am Tag – wenn sie Glück haben.

ZEIT ONLINE: Die Rohingya-Krise ist die derzeit größte Flüchtlingskrise der Welt. Wie geht ein kleines Entwicklungsland wie Bangladesch mit dieser Herausforderung um?