Die Welt spielt Fußball und blickt auf Russland. Bevor der Sport losgeht, widmen wir diesem großen, vielfältigen, komplizierten und oft missverstandenen Land einen Schwerpunkt. Zu Beginn schrieb der russische Schriftsteller und Journalist Dmitry Glukhovsky in "Der Westen und wir", was in der Beziehung Russlands zum Westen seit dem Mauerfall schiefgelaufen ist. Unser Autor Michael Thumann blickt nun in die umgekehrte Richtung: Was lief in der Beziehung des Westens zu Russland falsch?

Als Angela Merkel jüngst nach Russland reiste, überraschte Wladimir Putin sie mit einem großen Blumenstrauß. Und als Heiko Maas bei Außenminister Sergej Lawrow zu Besuch war, konnte der Russe "keinerlei Feindseligkeit" entdecken, obwohl Maas diese zuvor Russland attestiert hatte.

Je schlechter die transatlantischen Beziehungen, desto netter werden die Russen. Die Deutschen finden sie auch zunehmend ansprechend. Immerhin 94 Prozent halten gute Beziehungen zu Russland für wichtig. 83 Prozent haben keine Angst vor Russland, nur 13 Prozent finden, dass Putin den Weltfrieden gefährde – im Gegensatz zu Donald Trump, der auf 79 Prozent kommt. Jüngste Umfragen in Russland zeigen, dass auch die Deutschen dort wieder beliebter werden. Stehen wir vor einer Wende im Verhältnis zu Russland? Und was stand bisher zwischen uns?

In Deutschland sagen viele gern dahin, dass Russland unser "Nachbar" sei. Der Begriff unterschlägt so einiges. Zum Beispiel die tatsächlichen östlichen Nachbarn: Polen, Belarus, die Ukraine und die baltischen Staaten. Besser passt auf Deutschland und Russland die Metapher von zwei Häusern an zwei Enden einer Straße. Dazwischen liegen die Häuser und Gärten der tatsächlichen Nachbarn. Was immer Deutsche und Russen miteinander anstellten in der Vergangenheit, hatte erhebliche Auswirkungen auf ihre Nachbarn. Diese sind aber umgekehrt auch sehr wichtig für Deutschland und Russland. Denn die beiden Länder hatten meist dann Krach, wenn einer oder beide Anspruch auf die Staaten zwischen ihnen erhoben. Wenn Grenzen nicht akzeptiert oder verschoben wurden. Genau das war 2014 mit der Annexion der Krim durch Russland passiert.

Wie wichtig die Nachbarn sind für ein gutes Auskommen zwischen Moskau und Berlin, zeigt die Erfahrung des 20. Jahrhunderts. In den Dreißigerjahren fingen die Deutschen unter Hitler an, die Landkarte Europas umzukrempeln. Spätestens die Zerschlagung der Tschechoslowakei zerstörte die fragile europäische Friedensordnung. Im August 1939 fanden Russland und Deutschland zueinander, in einem Teufelspakt auf Kosten der Nachbarn zwischen den beiden großen Ländern. Polen wurde zum vierten Mal geteilt, die baltischen Staaten zerschlagen, die Grenze der Sowjetunion nach Westen geschoben. Die blutige Einverleibung Ostmitteleuropas war keine Friedensordnung, sondern nur das Vorspiel für den großen Krieg und brachiale Grenzänderungen. 22 Monate später überfiel Deutschland die Sowjetunion und führte einen Krieg gegen Belarussen, Russen, Ukrainer, Juden und andere Völker; weit über zwanzig Millionen Menschen starben.

"Westdeutscher Revisionismus"

Nach dem zweiten Weltkrieg baute sich Moskau mit der DDR einen Satellitenstaat auf, den ein Berater Michail Gorbatschows einst "die Perle in der Krone des russischen Imperiums" nannte. Im deutschen Wunsch nach Wiedervereinigung sahen die Sowjets nichts anderes als "westdeutschen Revisionismus". In der Tat wollte die Bonner Regierung den Status quo verändern, auch der SPD-Politiker Willy Brandt. In den Ostverträgen ab 1970 erkannte er die Realitäten des Augenblicks an, um langfristig die Voraussetzungen für ihre Veränderung zu schaffen. Entspannung war möglich, weil die Bundesrepublik und der Westen in der Schlussakte von Helsinki 1975 die territorialen Gewinne der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg anerkannten – aber der Teilung Deutschlands nicht das Siegel gaben. Der deutsche Revisionismus war gebändigt, nicht beendigt.

Als das sowjetische Imperium Ende der Achtzigerjahre zerfiel, brach die Perle DDR aus der Sowjetkrone. Es hätte eine Weltkrise bis hin zum Krieg werden können. Zweierlei Verzicht machte den friedlichen Übergang aus: Die Größe von Generalsekretär Michail Gorbatschow lag daran, dass er hinnahm, was in Europa nicht mehr zu ändern war. Auf der anderen Seite erkannten die Deutschen ihre Ostgrenze endgültig an. Mit der Wiedervereinigung endeten der deutsche Revisionismus und die deutsche Frage. Nach Westen und nach Osten waren die Deutschen mit ihren Grenzen endlich im Reinen.

Deutschland war der Fürsprecher Russlands im Westen

Das war vielleicht die glücklichste Zeit deutsch-russischer Beziehungen. In der Charta von Paris 1990 und der KSZE-Schlussakte von Helsinki 1975 erkannten Russen und Europäer die neuen Nationalstaaten und deren freie Bündniswahl an. In Abkommen wie dem Budapester Memorandum von 1994 garantierten Russland und Amerika noch einmal extra die Grenzen der Ukraine. Die mitteleuropäischen Nachbarn Deutschlands und Russlands strebten nach Westen, traten der Nato und der EU bei. Das akzeptierte der russische Präsident Boris Jelzin ebenso wie sein Nachfolger Wladimir Putin. Ansprüche gegen die Nachbarn gab es nicht.

Deutschland war in den Neunziger- und Nullerjahren der Fürsprecher Russlands im Westen. Die Erweiterung der G7-Staaten um Russland und die Bildung des Nato-Russland-Rats gingen auf deutsche Initiativen zurück. Kaum etwas konnte die deutsch-russischen Beziehungen erschüttern. Putin sprach im Bundestag. Kanzler Gerhard Schröder, der im Kosovokrieg noch deutsche Luftangriffe auf Serbien absegnete, wurde Putins enger Freund. Sie bauten gemeinsam eine Pipeline. Und doch verpasste es der Westen, auch Gerhard Schröder, Russland damals in belastbare, gesamteuropäische Institutionen zu einzubinden.

Angela Merkel konnte nicht so gut mit Putin persönlich, aber mit Russland. Sie bot Moskau eine Modernisierungspartnerschaft an. Und sie hatte bei aller persönlichen Distanz zu Putin ein Gespür für die Empfindlichkeiten in Osteuropa. Als die US-Administration 2008 der in der Nato-Frage gespaltenen Ukraine einen "Membership Action Plan" anbieten wollte, legte Merkel ihr Veto ein. So wie Putin nicht gegen die Nato-Erweiterung protestiert hatte, wollte Merkel den Bogen nicht überspannen.

EU übersah Russlands Politikwechsel

Der Politikwechsel kam nicht von außen, sondern ganz allmählich von innen. In Russland eroberten in den Nullerjahren ehemals marginale Kräfte mit ihren Ansichten das Zentrum der Debatte. Nationalisten, Orthodoxe, Großmachtphilosophen, Neo-Stalinisten und Staatsverehrer bekamen in der Regierung Gehör. Es war die Zeit des Irak-Kriegs, der Aufstände in der arabischen Welt, der Orangen Revolution in der Ukraine. Putin sah überall die USA am Werk. Als einige Moskauer 2011 und 2012 offen gegen ihn demonstrierten, sah er dahinter eine ausländische Verschwörung: Es ging gegen ihn. Als Bestätigung sah er das Magnitzki-Gesetz, in dem die USA neue Sanktionen verhängten. Putin verhärtete sich.  Nach innen nahm die Repression zu. Nach außen begann er sich einzumischen, um russische Interessen zu vertreten. Moskau erhob wieder Ansprüche gegen seine osteuropäischen Nachbarn. Es stellte ihre Bündnisfreiheit infrage.

Die EU war blind genug, diesen Politikwechsel zu übersehen. Über die geplante Zollunion zwischen der Ukraine und der EU kam es 2013 zum Showdown. Putin tat alles, um sie zu verhindern. Der politisch unbedarfte EU-Kommissionschef Manuel Barroso forderte die Ukraine auf, sich zu entscheiden. Merkel warnte vor dieser Entweder-oder-Politik – vergeblich. Die Maidan-Revolution fegte 2014 den korrupten ukrainischen Präsidenten fort. Putin begriff den ukrainischen Volksaufstand als westlich gelenkten Putsch. Die Ukrainer feierten noch, da besetzten russische Truppen die Krim. Später marschierten sie in die Ostukraine ein. Russland dehnte seine Grenzen, Putin annektierte die Krim.

Dieser Krieg hat das Verhältnis von Deutschland und Russland tief verändert. Die Freundschaft der Länder litt. Seither hat eine tiefe Unsicherheit den ganzen Kontinent erfasst.

Zum ersten Mal seit 1945 hat ein europäisches Land Territorium im Nachbarland erobert. Zum ersten Mal seit 1990 ist unklar, wo die russische Regierung die Grenzen ihrer Einflusssphäre sieht. Zum ersten Mal sind Belarussen, Balten und andere Nachbarn ernsthaft beunruhigt, dass auch ihre Grenzen nicht sicher sind. Zum ersten Mal hat die EU Sanktionen gegen Russland verhängt – und Russland gegen die EU. In Moskau machen Politiker keinen Hehl daraus, dass sie gegen die europäische Staatenordnung von 1990 revoltieren. Was sie an ihre Stelle setzen wollen, bleibt unklar. Nur so viel steht fest: Russland ist zur revisionistischen Macht geworden.

Russland liebt den Nebel

Für die Deutschen ist das ein Schockerlebnis. Die Stimmung direkt nach der Krim-Annexion fasst der langjährige Ostpolitiker und Ex-Staatsminister Gernot Erler gut in seinem neuen Buch "Weltordnung ohne den Westen" zusammen. Er beschreibt ein Treffen mit einem russischen Gesprächspartner und Freund, den er schon lange kannte: "Es stellte sich eine Art Entfremdungseffekt ein, der sogar die Sinnhaftigkeit solcher Begegnungen infrage stellte. Wir trennten uns verstört, ohne die sonst übliche Herzlichkeit und voller Unsicherheit darüber, wie es weitergehen könnte."

Früher hatte der geopolitische Wettbewerb zwischen Deutschland und Russland Europa destabilisiert, heute stehen sich die EU und Russland gegenüber. Dabei steht auch die EU selbst zur Disposition. Es gibt Hinweise darauf, dass russische Institutionen EU-feindliche Parteien in Europa, Separatisten und Rechtsextremisten fördern und dass russische Hacker in europäischen Wahlen mitmischen. Putin sagt in Interviews, dass dem nicht so sei. Aber er trifft sich gern mit EU-Gegnern wie Viktor Orbán. Die Krisen der Union eröffnen neue Möglichkeiten.

Deutschland will, dass die EU nicht auseinandertreibt. Dass Polen nicht wegdriftet. Dass der EU-Nachbar Ukraine stabil und erfolgreich ist. Dass die EU gegenüber Amerika und Russland wie aus einem Mund spricht. Auch wenn Deutschland, das zeigt der Streit um die Ostseepipeline, das manchmal selbst erschwert.

Vielleicht lässt es sich so am besten zusammenfassen: Die Deutschen möchten, dass alles so bleibt, wie es ist. In der russischen Regierung dagegen glauben viele, man könne bei Veränderungen gewinnen. Deutschland will Klarheit, Russland liebt den Nebel. Deutschland liebt Verträge und Verrechtlichung, Russland zieht Handlungsfreiheit vor. Unterschiedlicher geht es kaum. Deshalb werden sich die deutsch-russischen Beziehungen auch nicht von heute auf morgen entspannen.

Am Dialog mangelt es nicht

Aber Deutsche und Russen lernen, damit umzugehen. Die vielen Besuche deutscher Politiker zeigen das. Merkel, Maas und Altmaier waren im Mai in Russland. Wladimir Putin lobte in Österreich die EU. Die Fußballweltmeisterschaft in Russland wird russische und deutsche Politiker am Spielfeldrand zusammenbringen. Am Dialog mangelt es derzeit also nicht. Aber was machen Deutsche und Russen damit?

Schon länger suchen beide Seiten außerhalb Europas nach Gemeinsamkeiten, die sie in Europa derzeit nicht finden. Es ist zur Binse geworden, dass man ohne Russland bei der Befriedung von Syrien nicht weiterkommt. Doch in Nahost ist noch mehr drin. Einen drohenden Krieg zwischen dem Iran und Israel können sowohl Russland als auch Deutschland vermeiden helfen. Beide Länder sind in Jerusalem und Teheran gut vernetzt. Vermittler sind rar geworden in Nahost, seit die USA unter Donald Trump zum Einheizer geworden sind. Und über die Sanktionen der Amerikaner verständigen sich die Deutschen schon jetzt mit den Russen, wenn es um mögliche US-Sanktionen gegen die Ostsee-Pipeline geht.

Vielleicht hilft die Zusammenarbeit außerhalb Europas, besser mit den Gegensätzen auf dem Kontinent umzugehen. Überfällig ist, dass Russen und Europäer über ihre Sicherheitssorgen reden. Eine Absprache wäre dabei wichtig: dass die Grenzen der Nachbarländer von Russland und Deutschland unantastbar sind. So wie es in den Verträgen der Siebziger- und Neunzigerjahre steht. Nichteinmischung ist eine uralte russische Forderung, schon die Sowjetunion bestand darauf. Nichteinmischung wäre ein schönes Prinzip, das man der russischen Regierung nahelegen könnte: keine Einmischung in Wahlkämpfe, keine Parteienförderung im Ausland, keine digitalen Störexpeditionen jenseits der Grenzen. Solche Grundsätze könnte eine gemeinsame Kommission aus EU-Europäern und Russen überwachen.

Mit Vorschlägen dieser Art ließe sich testen, ob Russen, Deutsche und Europäer mit ihren realen Interessengegensätzen erwachsener umgehen können. So hat man im Kalten Krieg auch mal angefangen, bevor irgendwann die Entspannung kam.