Niemand verlasse sein Zuhause, außer wenn das Zuhause ein Haifischmaul ist, schreibt die somalische Lyrikerin Warsan Shire, die heute in Großbritannien lebt. Und niemand setze die eigenen Kinder in ein Boot, außer wenn das Wasser sicherer ist als das Land.

Auch 2018 haben wieder mehr als 45.000 Menschen versucht, über das Mittelmeer nach Europa zu kommen. Etwa tausend starben bei der Überfahrt. Das zeigen aktuelle Daten des Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Die Zahl ist im Vergleich zu den vergangenen Jahren niedrig. Dennoch bleibt das Mittelmeer für viele Migrantinnen und Migranten der wichtigste Weg nach Europa – und wird für einige von ihnen zum Grab.

Auf welchen Wegen gelangen Flüchtlinge noch nach Europa?

Die meisten der 70 Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht sind, machen sich nicht auf den Weg nach Europa. Sie suchen Zuflucht innerhalb ihres eigenen Landes oder den Nachbarländern. Nur ein Sechstel flieht in wohlhabendere Gebiete.

Für die Menschen, die aus Afrika oder dem Nahen Osten nach Europa wollen, bleibt die Reise über das Mittelmeer oft die einzige Option. Wer aus Westafrika, Tunesien oder Eritrea kommt, dem ist der Landweg ohnehin versperrt. Aber auch Menschen aus Syrien und dem Irak, ebenfalls Hauptherkunftsländer von Flüchtlingen in Europa, stoßen auf kaum zu überwindende Barrieren. Seit Slowenien, Ungarn und Mazedonien Zäune an ihren Südgrenzen errichtet haben, ist die Balkanroute weitgehend geschlossen. Ein Abkommen der EU mit der Türkei sorgt zudem dafür, das nur noch wenige Flüchtlinge von dort Richtung Westen kommen können.

Über das Mittelmeer führen zwei oft genutzte Wege: erstens die westliche Mittelmeerroute von Marokko nach Spanien, zweitens die zentrale Mittelmeerroute von Libyen nach Italien. Seit 2015 ist die Zahl der Flüchtlinge, die von Libyen nach Italien gelangen, stark gesunken. Dennoch brechen noch immer kaum seetaugliche Boote von der libyschen Küste auf. Viele von ihnen geraten nach wenigen Seemeilen in Not.

Was passiert mit Schiffbrüchigen?

Das internationale Seerecht verpflichtet jeden Seemann dazu, Schiffbrüchige zu retten, egal woher sie kommen. Im Seegebiet zwischen Libyen und Italien sind viele sehr unterschiedliche Schiffe unterwegs: die italienische und die libysche Küstenwache, Marineschiffe der EU, private Rettungsschiffe von Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen, Save the Children, Sea-Watch oder Lifeline. Hinzu kommen Frachtschiffe, die das Gebiet kreuzen. Sie alle beteiligen sich an Rettungsmaßnahmen.

Das Maritime Rescue Coordination Center (MRCC) in Rom koordiniert die Seenotrettung im zentralen Mittelmeer. Erreicht ein Notruf das MRCC, schickt die Notrufzentrale das nächstgelegene Schiff zu Rettung. Von dort erhalten auch die privaten Rettungsschiffe ihre Aufträge.

Allerdings ist umstritten, in welchen Gebieten die privaten Retter aktiv werden dürfen. Klar ist, dass sie nicht in die libysche 12-Seemeilen-Hoheitszone dürfen, wenn sie nicht explizit dorthin geschickt werden. Allerdings hat Libyen im vergangenen Sommer seine Seenotrettungszone eigenmächtig von 12 auf 72 Seemeilen ausgeweitet und die Schiffe der Hilfsorganisationen wider das internationale Recht gewarnt, darin zu kreuzen.

Die privaten Retter wiederum argumentieren mit dem Seerecht, etwa im derzeit viel diskutierten Fall der Lifeline. Die Lifeline ist ein privates Rettungsschiff. Das Schiff soll verunglückte Flüchtlinge aufgenommen haben, obwohl die libysche Küstenwache diese Aufgabe übernehmen sollte. Der Kapitän der Lifeline argumentiert, die Küstenwache sei zu weit entfernt gewesen, um rechtzeitig am Ort sein zu können. Deshalb habe die Lifeline geholfen.