Die Welt spielt Fußball und blickt auf Russland. Bevor der Sport losgeht, widmen wir diesem großen, vielfältigen, komplizierten und oft missverstandenen Land einen Schwerpunkt. Zum Auftakt beschrieb der russische Schriftsteller und Journalist Dmitry Glukhovsky, was in der Beziehung Russlands zum Westen seit dem Mauerfall schiefgelaufen ist.

Es gibt die Geschichte von der Suche nach dem verlorenen Glück. Über sieben Bauern, die zu einer Reise quer durch Russland aufbrechen, um herauszufinden, wo in diesem Land die glücklichen Menschen leben. Im Osten, im Süden? Im Norden, im Westen? In den Amtsstuben? In den Kirchen? Oder doch auf den Feldern?

Seit der Dichter Nikolaj Nekrassow vor rund 150 Jahren sein Poem Wer lebt gut in Russland? geschrieben hat, ist viel Wasser die Wolga heruntergeflossen. Und mit der Frage, wo die Russen ein gutes Leben führen, haben sich in dieser Zeit nicht nur Schriftsteller beschäftigt. Russland, das größte Land der Welt, ist ein Land der Gegensätze. Die glitzernden Skylines von Moskau und Sankt Petersburg, die Industrieschlote des Kusnezker Beckens bis hin zu den einsamen Dörfern in Sibirien – die Unterschiede zwischen den Regionen sind groß. Im reichen Moskau verdient man im Schnitt mehr als fünfmal so viel wie in der armen Republik Kalmückien. Russland ist so vielfältig, dass man durchaus fragen kann: Was ist Russland – und wenn ja, wie viele? 

Wenn es nach Natalja Subarewitsch geht, dann sind es vier. Die Professorin für Geografie an der Staatlichen Lomonossow-Universität in Moskau hat vor einigen Jahren die Theorie der "vier Russlands" entwickelt. Da wäre einmal das Russland der Großstädte – Subarewitsch zählt hierzu die zwölf größten Städte Russlands, in denen die russische Mittelschicht ("Russland eins") und damit jeder dritte Russe lebt. Unter "Russland zwei" fasst sie die kleineren Städte mit bis zu rund 500.000 Einwohnern zusammen, die von Industrie geprägt sind und wo jeder vierte Russe wohnt. "Russland drei" bezieht sich auf die russische Provinz und "Russland vier" schließlich auf jene Sonderzonen, die unter Konflikten leiden und auf Subventionen aus Moskau angewiesen sind, wie die Republik Tschetschenien.

Raumplanung aus Kriegszeiten

Die "vier Russlands" sind eine Schablone, die sich auch heute noch gut anwenden lässt, sagt der Soziologe und Osteuropa-Experte Alexander Libman von der Universität München. Seit 2014 haben vor allem die Großstädter im "Russland eins" unter der Wirtschaftskrise gelitten. Wobei "gelitten" relativ ist: Mit einem vergleichsweise guten Lebensstandard und mit der Gewohnheit, westliche Güter zu konsumieren, waren sie vom Rubelverfall und dem Importverbot westlicher Lebensmittel, vom Kreml als Gegensanktion verhängt, schlichtweg direkt betroffen. "Doch inzwischen geht es den Großstädten wieder ganz gut", sagt Libman. À la longue sind es sowieso die Städte in "Russland zwei", die am meisten unter den Wirtschaftskrisen leiden: Industriestädte fernab der Metropolen, die noch zu Sowjetzeiten entstanden und anders als die dynamischen Großstädte Moskau oder Sankt Petersburg kaum auf die Konjunktur reagieren können.

Hinzu kommt, dass viele Industriestädte in "Russland zwei" in abgelegenen Regionen wie dem Norden Russlands oder in Sibirien liegen. Das geht auf die Raumplanung unter den Sowjets zurück, als es üblich war, wichtige Industrien tief im Landesinneren anzusiedeln, um sie vor feindlichen Übergriffen aus dem Ausland zu schützen. So wurden vor allem unter Stalin viele Betriebe vom europäischen Teil Russlands in den Osten, nach Sibirien, verlegt. Was in Kriegszeiten ein Segen sein sollte, wurde in der Globalisierung zum Fluch: Die Wege sind weit, die Städte sind abgelegen, die Infrastruktur veraltet.