Es würde bahnbrechende Resultate geben, hatte der Präsident der Vereinigten Staaten vor seinem Treffen mit Kim Jong Un versprochen. Einen Tag nach der gemeinsamen Absichtserklärung stellt man sich in Südkorea die Frage, für welche Seite.

Zumindest an diesem Mittwoch haben die Südkoreaner ihre Meinung in den Wahlkabinen kundgetan. Bei Lokalwahlen ging es unter anderem um 17 Bürgermeisterposten. Nach ersten Hochrechnungen werden 14 von ihnen an die regierende Minju-Partei gehen. Von den insgesamt zwölf zu vergebenden Abgeordnetensitzen kann die linksgerichtete Partei sich voraussichtlich zehn Plätze sichern. Ein deutlicher Sieg des progressiven Lagers von Präsident Moon Jae In, der die Annäherung mit Nordkorea erst möglich gemacht hat. Da der Wahlkampf vor allem im Schatten der innerkoreanischen Annäherung stand, kann das Ergebnis auch als Vertrauensbeweis für die Nordkorea-Politik Moons gewertet werden.

Donald Trump hingegen konnte in Südkorea seine Beliebtheitswerte nicht unbedingt steigern: Die größte Tageszeitung des Landes, die konservative Chosun Ilbo, schreibt in einem Leitartikel, dass sich das Land im Stich gelassen fühle vom US-Präsidenten: "Trumps Kommentare während der anschließenden Pressekonferenz haben die Dinge nur noch schlimmer gemacht – indem er Nordkorea versprach, die gemeinsamen Militärübungen zwischen US- und südkoreanischen Streitkräften zu suspendieren." In derselben Zeitung bezeichnet Park Won Gon, Professor für Internationale Beziehungen an der Handong Global University, die Absichtserklärung gar "als größten Betrug des Jahrhunderts, der 99 Prozent aller Wünsche Nordkoreas erfülle". Der Leiter der führenden konservativen Partei des Landes, Hong Joon Pyo, twitterte: "Südkoreas nationale Sicherheit steht auf der Kippe zu einer Krise."

Trump im Alleingang

Zur Erinnerung: Scheinbar nebenher gab Donald Trump in Singapur auf die Frage eines Reporters bekannt, die "teuren und provokativen Kriegsspiele" mit Südkorea zu stoppen. Fest steht, dass dies nicht vorher mit der Regierung in Seoul abgesprochen war. Laut einem Sprecher des Präsidentensitzes sei man sich noch immer nicht sicher, was Trump denn genau mit "Kriegsspielen" gemeint hat. Präsident Moon berief für Donnerstag eine nationale Sicherheitssitzung ein, um die Resultate des Gipfels und deren Auswirkungen zu debattieren. Wieder einmal hat sich die Regierung in Washington als unzuverlässiger Bündnispartner herausgestellt.

Derzeit haben die USA 28.500 Soldaten auf südkoreanischem Boden stationiert. Trump hatte bereits im Präsidentschaftswahlkampf angekündigt, die Truppen abziehen zu wollen, sollte Südkoreas Regierung nicht stärker finanziell für deren Präsenz aufzukommen. Damit löste er in Südkorea eine Schockwelle aus, die sich auch auf den Finanzmärkten niederschlug. Die Schuldzuweisung ist dabei allerdings rein populistischer Natur: Derzeit wird in der Stadt Pyeongthaek südlich von Seoul eine mehrere Milliarden Euro teure US-Militärbasis errichtet, die zu 90 Prozent vom südkoreanischen Steuerzahler bezahlt wird.

Die alljährlich stattfindenden Militärmanöver zwischen Südkorea und den USA werden in der Tat von Nordkorea als "Kriegserklärung" und Provokation gewertet. Für den Süden sind sie aber integraler Bestandteil der jahrzehntelangen Allianz mit den USA. Notwendig sind sie vor allem, weil Einsatzkräfte alle paar Jahre rotieren und militärische Abläufe daher ständig überprüft werden müssen. Der russische Nordkoreanologe Andrei Lankov hält die Suspendierung der Militärübungen daher für das größte Zugeständnis des Gipfels: "Bezeichnend, dass dieses im Alleingang von den Amerikanern gegeben wurde."

Unmögliche Koexistenz

Fürchten sich die Bewohner Seouls nun um ihre Sicherheit? "Auch wenn die Stimmung zwischen Nord und Süd jetzt friedlich ist, haben wir doch unser eigenes Recht auf Verteidigung. Daher finde ich nicht, dass wir die Militärübungen mit den US-Streitkräften aufgeben sollten", sagt zum Beispiel Oh Jin Hyun, Betreiber eines kleinen Ladens im Stadtzentrum der Hauptstadt. "Natürlich sollten wir irgendwann vollständig unabhängig sein und auf einem Abzug der US-Soldaten in Südkorea pochen", findet Kim Sang Jin, ein Musikprofessor an der renommierten Seouler Nationaluniversität. "Doch meiner Meinung nach sollte dieser Prozess ganz langsam geschehen. Die junge Generation möchte dies schneller, als es mir lieb ist."

Konservative Experten warnen seit Langem davor, dass Nordkorea noch immer das Ziel hegt, die koreanische Halbinsel unter eigener Fahne zwangszuvereinen. Seit Südkorea zur Demokratie geworden ist, haben sich die beiden Teile weit voneinander entfernt. "Als ultranationalistischer Staat mit immensem Persönlichkeitskult kann Nordkorea auf lange Sicht nicht mit einem freien Südkorea auf Augenhöhe koexistieren", sagt Brian Myers von der Dongseo-Universität in Busan, einer der profundesten Kenner der nordkoreanischen Ideologie. Laut Myers würde Nordkorea bereits in einem ersten Verhandlungsschritt darauf bestehen, dass im Gegenzug für einen Friedensvertrag und nukleare Abrüstung die US-Truppen aus Südkorea abziehen. Genau das jedoch hat Südkoreas liberaler Präsident Moon Jae In bislang kategorisch ausgeschlossen.