Wenn man diesen Wahlergebnissen glauben darf, dann hat Recep Tayyip Erdoğan auf ganzer Linie triumphiert. Der türkische Präsident wurde im ersten Wahlgang mit mehr als 50 Prozent der Stimmen wiedergewählt – und seine Partei, die AKP, hat in einem Wahlbündnis mit den Ultranationalisten der MHP die absolute Mehrheit geholt.

Die Opposition ruft: "Betrug!" Manipulationen wurden im Osten und im Süden des Landes gemeldet, bewaffnete Männer hielten Wähler von Wahllokalen fern, Sicherheitskräfte nahmen ausländische Wahlbeobachter fest. Einige wurden schon vorher an der Grenze abgewiesen. Auffällig ist die hohe Zahl der Stimmen für die MHP und die in etwa gleich große Zahl der von ihr abgespaltenen İyi Parti. Kann die Zahl der Ultranationalisten derart gestiegen sein? Das sind nur einige der beunruhigenden Fakten und Fragen dieser Wahlnacht. Noch hat auch die hohe Wahlbehörde das offizielle Ergebnis noch nicht verkündet.

Westliches Wunschdenken

Doch gleich wie viel möglicherweise manipuliert wurde, der Abstand von Erdoğan und der AKP zur Opposition ist groß genug, um aus der großen Aufregung um den Kandidaten der oppositionellen CHP Muharrem İnce vor der Wahl reichlich Wunschdenken herauszufiltern. Die Opposition berauschte sich an den enthusiastischen Unterstützern in den Ägäis- Provinzen des Landes. Einige westliche Medien bauten İnce zur Lichtfigur auf und erklärten Erdoğan schon zum Mann von gestern. Derweil schwieg das weite und tiefe Anatolien und stimmte überwältigend für den Herrscher Erdoğan ab. Die AKP hat zwar relativ an Stimmen verloren, aber die erhoffte Spaltung ihrer Wählerschaft ist nicht gelungen.

Gleichwohl sollte sich die Opposition nun nicht wieder in ein so tiefes Loch fallen lassen wie nach der Wahl im November 2015 oder den Gezi-Protesten 2013. Auch damals waren die Hoffnungen ebenso groß wie verfrüht, Erdoğans Macht brechen zu können. Entsprechend tief war die Ernüchterung, als der Mann jedes Mal triumphierte.

Was in diesem Wahlkampf neu war: die Einigkeit der zuvor so zersplitterten Opposition, das präzedenzlose Bündnis von Säkularen, Islamisten und Nationalisten, die Entdeckung des leidenschaftlichen und klugen Wahlkämpfers Muharrem İnce. Die Opposition hat allein mit ihrer Einigkeit und dem charismatischen İnce taktische Erfolge erzielt, auf die sie in künftigen Wahlen aufbauen könnte.

Er ist jetzt allein verantwortlich – auch für die Probleme

Denn für Erdoğan werden die kommenden Jahre schwer genug. Politisch hat er alles erreicht, was er wollte. Das Präsidialsystem ist abgesegnet. Er regiert nun mit voller autoritärer Wucht aus dem 1000-Zimmer-Palast in Ankara. Seine AKP wird ihm im Verein mit den MHP-Nationalisten Rückendeckung im Parlament geben. Der Posten des Ministerpräsidenten ist abgeschafft, die Türken sollen keine Helden mehr neben Recep Tayyip Erdoğan haben. Das heißt aber auch: Erdoğan ist für alles verantwortlich.

Wirtschaftlich kommen schwere Zeiten auf die Türkei zu. Für diesen Wahlkampf hat Erdoğan noch mal tief in die Kasse gegriffen. Er hat die Betonmischer anwerfen lassen für riesige Infrastrukturbauten und die Menschen mit Billigkrediten in die Shoppingmalls getrieben. Bau und Konsum treiben bisher das Wachstum, während die Lira verfällt, das Investorenvertrauen dahin ist, der Export stagniert und die internationale Kreditwürdigkeit sinkt. Eine Investorenpanik reichte, um die Türkei ohne kurzfristiges frisches Geld dastehen zu lassen.

Schon heute steht fest: Auch dieser Sieg wird Erdoğan nicht reichen, um die ersehnte Vollkasko-Sicherheit an der Macht zu genießen. Je nachdem, wie viel bei dieser Wahl nun frisiert und manipuliert wurde, wird Erdoğan einem guten Teil seines Volkes nicht trauen. Überwachung und Unterdrückung könnten weiter zunehmen. Zugleich wird Erdoğan weiter nach Bestätigung suchen. Zum Beispiel bei der Kommunalwahl im kommenden Jahr.

Die Opposition tut deshalb gut daran, ihre bei dieser Wahl erreichte Einigkeit weiter zu pflegen. Für einen schwachen Moment der AKP.