Am 24. Juni könnten die Stimmen der jungen Türkinnen und Türken entscheiden, ob Recep Tayyip Erdoğan ein weiteres Mal eine Wahl gewinnt. Was lange nicht möglich war, scheint auf einmal greifbar: Staatspräsident Erdoğan, der seit 2003 an der Macht ist, könnte sie verlieren. Schon beim Referendum über das Präsidialsystem im April 2017 zeigte sich: Erdoğan fehlt es an Unterstützung bei den jungen Leute zwischen 18 und 27 Jahren. 

Wenn Sezer Topçu darüber nachdenkt, was in der Türkei schiefläuft, fällt ihm einiges ein: das Chaos seit dem Putschversuch, der Absturz der Lira, der Konflikt zwischen Kurden und Türken, der Kampf zwischen Kemalisten und Religiösen, ein Bildungssystem, das keiner versteht. "Die Türkei produziert in 24 Stunden mehr Bad News als Deutschland in zehn Jahren. Es passieren so viele unerwartete Dinge. Wie können wir dieses Land noch ernst nehmen?" Der 23-jährige Filmstudent trifft sich an diesem Nachmittag im Mai mit Freunden in einem Café im Istanbuler Stadtteil Beşiktaş. Es ist Ramadan. Die Freunde trinken Mokka. Wie viele hier im liberalen Beşiktaş fasten sie nicht. Ein paar Frauen laufen bauchfrei herum, viele Männer sind tätowiert.

Topçu will Muharrem İnce von der sozialdemokratischen CHP wählen. "Er macht uns Hoffnungen. Dass die Türkei sich aber wirklich ändert, das ist derzeit für uns nur eine Utopie", sagt er. Topçus Freunde sagen, sie hätten zwar nie einen anderen politischen Führer als Erdoğan miterlebt, aber gemerkt, dass die Türkei in den vergangenen Jahren religiöser geworden sei. Ist der fromme Präsident zu schlagen? Topçu hat Zweifel. Erdoğan genieße immer noch großen Rückhalt unter den Konservativen. Sie hätten nicht vergessen, wie die säkularen Eliten sie über Jahrzehnte ausgeschlossen hätten. "Jetzt ist es andersherum. Nun sind es die Unterdrückten, die unterdrücken."

Die Generation, die unter Erdoğan aufgewachsen ist, hat die alte Türkei, von der ihre Eltern so viel sprechen, nicht kennengelernt. Ein schlechteres Land sei das gewesen, hat man ihnen erzählt. Eines, in dem es ungerecht zuging. Dann aber sei Erdoğan gekommen und mit ihm seine Erfolge: Die Renten stiegen, eine konservative Mittelschicht wuchs heran. Den Armen ging es besser, vor den Krankenhäusern musste man nicht mehr so lange in der Schlange stehen. Seit dem Sieg der AKP wurden Straßen und Brücken ausgebaut. Investitionen aus dem Ausland brachten Geld ins Land.   

Unter Erdoğans Führung ist eine Generation groß geworden, die in einem weiterentwickelten, aber auch unberechenbaren Land lebt. In dem vor allem Regierungskritiker ein schweres Leben haben, Schüler und Studenten fürchten, inhaftiert zu werden, wenn sie sich in der Öffentlichkeit kritisch äußern. Derzeit sitzen mehr als 150 Journalisten in türkischen Gefängnissen. Zehntausende Menschen haben ihre Arbeit verloren oder wurden inhaftiert, weil sie im Verdacht stehen, die Gülen-Bewegung zu unterstützen oder die kurdische PKK. In der Türkei liegt der Altersdurchschnitt bei 30 Jahren. Ob Erdoğans Kurs die Zukunft der Türkei bleibt, entscheiden also zum großen Teil auch Schüler, Studenten und Auszubildende.

Der Regierung laufen die jungen Wähler davon

Im Istanbuler Stadtteil Beşiktaş hat die säkulare CHP viele Anhängerinnen und Anhänger. © Hasan Gökkaya für ZEIT ONLINE

Aslı Aycan ist eine von eineinhalb Millionen junger Türkinnen und Türken, die am Sonntag zum ersten Mal in der Türkei an Präsidentschafts- und Parlamentswahlen teilnehmen dürfen. Die 20-Jährige studiert Luftfahrt an der Bilgi-Universität in Istanbul. Ihre Haare sind hochgesteckt, sie trägt modische Kleidung, geht gerne im linksliberalen Beşiktaş aus. Eine typisch säkulare Oppositionswählerin also? "Nein! Ich werde meine Stimme natürlich Recep Tayyip Erdoğan geben. Ich mag, wie er unser Land führt. Und Sie sehen ja an mir, jeder kann sich anziehen, wie er oder sie möchte." Aycan glaubt nicht, dass es Eingriffe in die Meinungsfreiheit gibt. Wer im Gefängnis sitze, der sei da schon zu Recht, sagt sie. Wer zu Unrecht festgehalten werde, der werde am Ende freigesprochen.

Aycan findet die Ansprüche ihrer Altersgenossen überzogen. "Die türkischen Jugendlichen neigen dazu, anderen nachzueifern. Wir schauen in die USA oder nach Europa und wollen dann immer mehr und mehr." Dabei sei das Leben unter Erdoğan gut. "Ich weiß, wie meine Eltern gelebt haben. Ich bin froh, dass ich es einfacher habe und unter besseren Bedingungen aufwachse", sagt sie.