Arkadi Babtschenko, ein russischer Journalist und Putin-Kritiker, der wegen Morddrohungen sein Heimatland verlassen hatte, sollte in der Ukraine umgebracht werden. Der ukrainische Geheimdienst SBU hat von diesen Plänen erfahren, Babtschenko darüber informiert und zusammen mit ihm seinen eigenen Mord vorgetäuscht.

So soll es angeblich passiert sein. Und der 41-jährige Journalist und Familienvater hat bei all dem so mitgemacht. Er glaubte dem Mordplan gegen ihn, ließ sich zum Schein töten, um dadurch seinem Tod zu entgehen und den Hintermännern seines Mörders auf die Spur zu kommen. Im Moment, als er sich entschloss, mit dem ukrainischen Geheimdienst zu kooperieren, gab er seine journalistische Unabhängigkeit auf. Er wurde zum Mitarbeiter des SBU und zum Untoten von Kiew, der für fast 24 Stunden die internationale Öffentlichkeit täuschte und dann verwirrte. Der Fall Babtschenko ist dadurch wohl weltweit einzigartig.

Man müsste als Beobachter jetzt in erster Linie froh darüber sein, dass Babtschenko noch am Leben ist. Mehr als 10.000 Todesopfer hat der russisch-ukrainische Krieg seit seinem Ausbruch im Winter 2014 gefordert. Jeder Tote weniger ist da eine gute Nachricht. Doch die Sache wäre nicht so heikel, wenn sie so einfach wäre.

Es war im Februar 2014 auf dem Maidan in Kiew, als ich den Kollegen Arkadi traf. Es gebe Tabuwörter, die der russische Präsident Wladimir Putin nicht gern lese, sagte Babtschenko damals. "Krieg" und "Leichen" seien solche Wörter. Am Ende werde die Wahrheit immer siegen, sagte er noch. Wir unterhielten uns nur kurz, aber dieser letzte Satz blieb in Erinnerung. Wahrheit, ein großes Wort, und das erste Opfer fast eines jeden Krieges.

Wer Journalisten ermordet, tötet die Wahrheit

Die meiste Zeit und Energie seines Berufslebens widmete Babtschenko der Aufarbeitung der Kriege seines Heimatlandes Russland. Deshalb reiste er nach Tschetschenien, Georgien, den Osten der Ukraine, immer wieder. Dabei ließ er sich von keinem Tabu einschüchtern. Die Angst, die er dabei zweifelsfrei hatte, kehrte er nie nach außen. Anfang 2014, zu Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine, wirkte er wie ein mutiger Journalist. Seine Lebensaufgabe sah er darin, die Wahrheit zu suchen. Mittlerweile ist er ein Journalist, der einen Mordanschlag überstanden und seine Glaubwürdigkeit verloren hat.

Wenn ein Journalist ermordet wird, ist das selten nur ein einfaches Verbrechen. Die Hauptaufgabe dieses Berufs besteht darin, die Realität zu finden und zu veröffentlichen. Wer Journalisten umbringt, tötet deshalb auch immer einen Teil der Wahrheitssuche. Nun wurde Arkadi Babtschenko glücklicherweise nicht real getötet. Hoffentlich lebt er noch bis zu seinem 96. Lebensjahr, wie er sich das selbst einmal gewünscht hat. Doch auch sein Fake-Tod hat Konsequenzen.

Was ist wichtiger: das eigene Leben oder die berufliche Reputation? Für ihn stellte sich diese Frage überhaupt nicht, er habe sein Leben nicht anders retten können, sagte er. Aber im Fall Babtschenko geht es nicht nur um Babtschenko. Der ukrainische Staat mag den Journalisten vorerst gerettet haben, er hat aber durch die Geheimdienstaktion etwas verloren, das langfristig lebenswichtig für das Funktionieren einer Gesellschaft ist: die Glaubwürdigkeit der eigenen Worte und Handlungen.