Eigentlich kann sich der Präsident der USA auf die New York Post verlassen. Das Boulevardblatt aus dem Haus des konservativen Verlegers Rupert Murdoch neigt nicht unbedingt dazu, das Geschehen im Weißen Haus kritisch zu verfolgen. Doch am Wochenende reichte es der Redaktion offenbar. "Es sieht nicht nur schrecklich aus, es ist schrecklich", schrieb die Zeitung, nachdem Bilder von weinenden Kindern das Land erschütterten, die von ihren Familien nach der illegalen Grenzüberschreitung getrennt und in Auffanglagern oder umfunktionierten Supermärkten untergebracht worden waren.

Die Zeitung war mit ihrer Empörung nicht alleine. Auch die ehemalige First Lady Laura Bush sah sich zu einer öffentlichen Stellungnahme gezwungen. Die Praxis des Weißen Hauses sei "unmoralisch" und "herzzerreißend", schrieb sie in einem Gastbeitrag für die Washington Post, in dem sie das Vorgehen mit den Auffanglagern für Amerikaner japanischer Abstammung nach dem Zweiten Weltkrieg verglich.

Der New Yorker Kardinal Timothy Dolan, einflussreichster Vertreter der katholischen Kirche in den USA, erklärte, die Trennung von Kindern und Eltern sei "ungerecht, unamerikanisch und unchristlich". Selbst die aktuelle First Lady äußerte vorsichtige Kritik. "Wir müssen dem Gesetz folgen, aber wir müssen auch ein Land sein, das mit Herz führt", hieß es in der Stellungnahme von Melania Trump.

Justizminister Jeff Sessions hatte im Frühjahr eine Null-Toleranz-Politik ausgerufen und erklärt, alle, die die südliche Grenze illegal überquerten, müssten mit einer strafrechtlichen Verfolgung rechnen. Weil die Eltern während des Verfahrens aber in Untersuchungshaft bleiben, müssen die Kinder anderweitig unterkommen. Unter dem vorherigen Präsidenten Barack Obama durften Menschen, die die Grenze illegal überquerten, während der Verfahren noch gemeinsam mit ihren Kindern in den USA bleiben.

Die Folge der neuen Richtlinie: Allein zwischen dem 19. April und dem 31. Mai sind rund 2.000 Kinder fernab ihrer Eltern in Auffanglagern oder bei Pflegefamilien untergebracht worden, mehr als 100 davon im Alter von vier Jahren oder jünger. Die Schicksale haben der Debatte darüber, wie Amerika mit seinen illegalen Einwanderern an der südlichen Grenze umgehen soll, neue Dringlichkeit verliehen.

US-Regierung zeigt keine Milde

Das Team um Präsident Donald Trump verteidigt das Vorgehen öffentlich. Stabschef John Kelly erklärte in einem Interview mit dem Radiosender NPR, die Taktik diene dazu, illegale Grenzüberquerer von vornherein abzuschrecken. Und Chefberater Stephen Miller erklärte, es sei schlicht eine Entscheidung der Regierung, gegenüber illegaler Einwanderung keinerlei Milde zu zeigen. 

Trump twitterte am Montag, Kriminelle missbrauchten Kinder als Mittel, um ins Land zu kommen. Er verwies auf die Regierungskrise in Deutschland als Beispiel für die negativen Folgen einer zu lockeren Einwanderungspolitik. "Das darf uns nicht passieren!", so der US-Präsident.

Doch seit die Bilder verzweifelter Kinder die Medien und das Netz dominieren und auch die Konservativen eine Lösung fordern, schiebt der Präsident die Schuld für das Vorgehen bei öffentlichen Auftritten den Demokraten zu. Sie hätten sich bislang gegen ein umfassendes Einwanderungsgesetz gesträubt, das auch die Behandlung von Kindern und Familien regeln würde.

Selbst in der eigenen Partei aber gibt es Zweifel an der Argumentation. Der Präsident könne die Praxis mit einem Telefonanruf beenden, argumentierte der republikanische Senator Lindsey Graham aus South Carolina. Die Regierung habe sich das Problem selbst geschaffen, meint auch Harold Solis, Jurist bei der Organisation Immigration Justice Corps in New York, die Einwanderern rechtlichen Beistand gibt.