Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras hat angekündigt, die politische Verantwortung für die Ausbreitung der Waldbrände in seinem Land zu übernehmen. Die Opfer hätten auf "ungerechtfertigte und unglaubliche Weise" ihr Leben verloren, sagte Tsipras bei einer Krisensitzung seines Kabinetts in Athen. "Ich übernehme die politische Verantwortung für diese Tragödie." Die Regierung werde sich ihrer Verantwortung nicht zu entziehen versuchen.

Die Zahl der Toten stieg am Freitag auf 87, als Bergungskräfte fünf weitere Opfer in den ausgebrannten Häusern der Ortschaft Mati bei Athen fanden. Bei der Katastrophe wurden so viele Menschen getötet wie bei keinem anderen Feuer in Europa im 21. Jahrhundert.

"Ein Land, das von Regelwidrigkeiten dominiert wird"

Tsipras kritisierte, dass viele Immobilien in Griechenland ohne behördliche Genehmigung errichtet würden: "Wir müssen heute schmerzlich zur Kenntnis nehmen, dass wir ein Land regieren, das von Regelwidrigkeiten dominiert wird." Über Jahrzehnte hinweg hätten die vorigen Regierungen den illegalen Bau von Häusern erlaubt. Er versprach, alle nötigen Maßnahmen zu treffen, um diesen Zustand zu beheben und den Menschen zu helfen.

Experten hatten zuvor kritisiert, dass planerische Versäumnisse die Ausbreitung der Waldbrände begünstigt hätten: Gebäude seien zu nahe an Wäldern errichtet worden und es fehle an Zufahrten für Löschfahrzeuge.

Tsipras sagte zudem, es gebe Anzeichen dafür, dass Brandstifter am Werk waren. "Wir müssen den ganzen Sommer hinweg auf der Hut sein." Die Brandstifter könnten erneut zuschlagen. Innenminister Panos Skourletis sagte, die gesamte von den Bränden betroffene Gegend müsse "neu gestaltet" werden: "Straßen müssen geöffnet werden, der Zugang zum Meer muss geöffnet werden."

Rettungskräfte sollen Zufahrten blockiert haben

Der Bürgermeister der betroffenen Gemeinde Rafina-Pikermi, Evangelos Bournos, sagte im griechischen Rundfunk, die Rettungskräfte hätten die wenigen Zufahrten blockiert und damit betroffene Anwohner ungewollt an der Flucht gehindert. "Wir tragen alle Verantwortung: die Regierung, die Rettungskräfte, die Bürger."

In griechischen Medien war zuvor von chaotischen Szenen bei der Brandbekämpfung berichtet worden. Viele Menschen starben in ihren Autos, als sie bei der Flucht aus Mati in den kleinen Straßen im Stau stecken blieben und vom Feuer eingekreist wurden. Viele andere flüchteten vor den Flammen an nahegelegene Strände oder rannten gar ins Meer und wurden erst Stunden später gerettet. Mindestens sechs Menschen ertranken, die Küstenwache und freiwillige Taucher suchen im Meer nach möglichen weiteren Opfern.

Die Waldbrände haben mehr als 2.000 Häuser beschädigt, mehr als ein Viertel von ihnen müsse abgerissen werden, teilte das Ministerium für Infrastruktur mit. Mitarbeiter des Ministeriums inspizierten die beschädigten Häuser in der Gegend von Rafina und markierten Gebäude, die als dauerhaft instabil eingestuft wurden, mit einem roten X.

Unterdessen wird an der Identifizierung der Opfer gearbeitet. Verwandte gaben DNA-Proben im Leichenschauhaus von Athen ab. Die Polizei geht davon aus, dass die Identifizierung in den Labors mehrere Tage dauern werde. Erst dann werde auch Klarheit über die genaue Zahl der Vermissten herrschen.